Großes Interesse an Peggy Mädlers Roman “Selbstregulierung des Herzens”

Im Tucholsky-Museum in Rheinsberg hatte Peggy Mädler ihren Roman “Selbstregulierung des Herzens” bereits vorgestellt. Man berichtete. Nun war sie mit dem Werk beim Europäischen Literaturfest Brandenburg in Neuruppin zu Gast und traf auf großes Interesse. Am Tag der Deutschen Einheit las die Autorin auch eine Passage, in der Grundsatzfragen speziell der deutschen Geschichte gestellt werden, auch im Hinblick auf die Entwicklung seit 1990. Nun kein DDR-Buch mehr schreiben zu wollen, gelobte die Kandidatin für den Deutschen Buchpreis 2026. Das vorliegende ist zumindest nicht aus der Klischeekiste.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Peggy Mädler war 13, als die Mauer fiel. Friederike Frach vom Kulturrat Brandenburg skizzierte als Moderatorin kurz den Lebenslauf der Autorin, die 1976 in Dresden zur Welt kam. Mit 50 ist sie souverän genug, um sich nicht durch die Gäste in der ersten Reihe einschüchtern zu lassen. “Mit dem Bezirksbürgermeister befreundet” zu sein, das hatte besondere Relevanz, wenn es in der DDR um “Wochenendgrundstücke” ging und gewisse rein private Baumaßnahmen. Delikater Vorlesestoff im Alten Gymnasium. In Rheinsberg hatte Mädler verraten, dass es am Ende 2,6 Millionen Orte der Sehnsucht oder der Stadtflucht waren mit einem besonderen Gefüge von Beziehungen im Realsozialismus der SED.
Für den Oberbürgermeister aus Bad Kreuznach und seine Delegation und den Bürgermeister Neuruppins und seine Begleiter war die erste Reihe freigehalten worden. Eine Geste der Höflichkeit, nicht der Dienstbarkeit! Und viel Applaus für die Gäste! Dass Nico Ruhle (SPD) am Ende der gelungenen Veranstaltung zwei Exemplare von “Selbstregulierung des Herzens” erwarb, könnte eine Einladung der Autorin in die Partnerstadt noch wahrscheinlicher machen, falls das eine Buch für Oberbürgermeister Emanuel Letz (FDP) gedacht war.

Fortbildung in elektronischer Datenverarbeitung – hier für Frauen.
abfotografiert aus “Werk der Millionen – 20 Jahre Deutsche Demokratische Republik”, Urania Verlag 1969

“Selbstregulierung” des Marktes ist ein Schlüsselbegriff unter Liberalen. “Selbstregulierung des Herzens” zeigt begrifflich, wie weit der Bogen in den Jahren nach dem Mauerbau gespannt wurde im Hinblick auf die Kraft der Kybernetik im planwirtschaftlichen Rahmen der DDR. “NÖSPL? Schon mal gehört?”, wurde vom Podium aus gefragt. Die Figuren des Romans sind auf unterschiedliche Weise von dem Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung betroffen. Ob Männer eher und mehr von der Hoffnung auf elektronische Datenverarbeitung erfasst wurden? Im Roman ist es so. “Die Partei hat immer recht”, ist ja auch einfach eine dämliche Parole. Kommt “die Wahrheit” bewaffnet daher, hat’s die Wahrhaftigkeit ganz schwer. Romanstoff.

Beifall auf allen Rängen, auch in der ersten Reihe mit Prominenz.
Foto: VHS

Es gehört zu Peggy Mädlers Selbstwirksamkeit, dass sie so liest, als sei sie allen Figuren persönlich verbunden. Und das ist sie ja auch als Autorin. Als geduldig Recherchierende. Als absatzweise Profitierende. Fast könnte man meinen, sie würde den Republikflüchtling Roland genauso gut verstehen wie Georg und Marlies. Oder später Mona, die, wenn sie Georg malt, sicher auch diesen “unbedingten Fortschrittswillen” Gestalt oder Gesicht werden lässt. Oder den “menschlichen Ehrgeiz als Fluch”? Oder einfach Zerrissenheit? Oder fehlende Selbstregulierbarkeit? Man nennt es auch menschliche Freiheit, Zukunftsoffenheit, gepaart mit Verantwortung. Die ausgewählten Passagen waren anspruchsvoll. Ob sie ansprechend waren und zur Lektüre motivieren, könnte von der Einstellung zu folgendem Satz abhängen: “Die Idee war gut, aber die Umsetzung schlecht.” Von wegen Sozialismus und so mit Verstaatlichung und Volksdemokratie und Bruderstaaten. Die CSSR hatte ein anderes “68” als gemeinhin mit dieser Zahl verbunden. Mehr dazu wäre an diesem Abend zu viel gewesen.

Leidvoll, aber auch lustig: Paula Fürstenberg in Rheinsberg mit “Niewiedervereinigung”.
Foto: VHS

Dass eine Autorin oder ein Autor am Ende ein anderes Buch empfiehlt, ist sicher eine Seltenheit. Die Fontanepreisträgerin 2019 hat diese Größe. Im Alten Gymnasium waren es die “Zwischenrufe zur deutschen Einheit” von Paula Fürstenberg, als “Niewiedervereinigung” schön betitelt und eben erst bei den Tucholsky-Literaturfestspielen 2026 erfolgreich vorgestellt.

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