Systemprogrammierer als ProtoTypen in der DDR – Peggy Mädler beeindruckt in Rheinsberg

Im Jahr 2013 weilte die Autorin Peggy Mädler als Stadtschreiberin in Rheinsberg. Nun war sie im Tucholsky-Museum zu Gast, um ihren Roman “Selbstregulierung des Herzens” vorzustellen, eingerahmt von einem Gespräch mit Museumsmitarbeiter Peter Graf. Einige der zwei Dutzend Gäste waren extra aus Neuruppin zur Lesung angereist. Sie dürften es nicht bereut haben.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Mädlers Rheinsberger Bogen trägt den Titel “Das Wetter ist schön, ich war auch schon baden”. Wer dächte da an das Kernkraftwerk Rheinsberg? Darum aber geht es zumindest teilchenweise. In Dresden kam die Autorin 1976 zur Welt. 1989 war sie also erst 13 Jahre jung. Sie habe die Produktionsverhältnisse in der DDR nie selbst erlebt, sagt sie angesichts der Verwunderung Grafs über Ausmaß und Intensität der Darstellung im Roman. Aber ihre technikaffinen Eltern, andere Verwandte und viele Befragte.
Tatsächlich geht’s hinein in die 60er-Jahre, als Informatik und Kybernetik gerade in der DDR immer wichtiger wurden. Der Sputnik der Sowjets von 1957 hatte den Traum von der Weltspitze geweckt. Was im Roman zeitlich zunächst in den Jahren nach dem Mauerbau von 1961 angesiedelt ist, hat mit dem Mauerfall von 1989 noch nicht sein Ende. Dafür war in den kommenden Jahren zu viel zu erledigen in den sogenannten neuen Bundesländern, eben abzuwickeln, aber auch ein wenig aufzuarbeiten. Im Mittelpunkt des Romans stehen die hellwachen Werktätigen Georg, Helga, Roland und Marlies sowie die Kulturschaffenden Mona und Konrad. Anlässlich der Lesung waren vier Passagen geschickt ausgewählt worden.

Cover und Foto der Steuerungsstelle im Erdölverarbeitungswerk in Schwedt.

Der Programmierer Georg rückt ins Rampenlicht. Dass Freund Roland tief enttäuscht aus der Republik flieht, hat auch Folgen für andere. Nicht allein Liebesverhältnisse zeigen die Grenzen der kybernetischen “Selbstregulierung” im sozialistischen System. Dass die KI von hier und heute die Partnerschaften anders geordnet hätte, kann vermutet werden.
Der Autorin ist anzumerken, dass es ihr große Freude bereitet hat, nicht als Besserwisserin die Feder zu führen, sondern wie eine Zeitgenossin, die sich im System auskennt, auch im suspekten Sicherheitsapparat des SED-Staates, die Abk. wie NÖSPL nicht googeln muss, die teilhat an Hoffnungen und Irrtümern, die Planvorgaben und Planrückstände kennt, auch Kontostände und Privilegien, Träume und “Heuchelräume”. Manchmal wird sie etwas spöttisch, aber nie zynisch. An Volker Braun darf man denken und dessen Art, “Hinz und Kunz” Gestalt zu geben und dabei selbst nicht konsumblöd zu werden.

Auch in Refugien wie hier in Lindow ist nicht alle Tage blauer Himmel.
Fotos: VHS

Neben der Hauptstadt der DDR wird ein Refugium irgendwo im erreichbaren Umland immer wichtiger für die Erlebniswelt. Nicht Protzen, nicht Kotzen. Was Namenloses. Nein, nicht Molchow, nicht Rheinsberg. Mädler nennt eine Zahl: “Es gab schließlich 2,6 Millionen Wochenendgrundstücke in der DDR.” Schon im Prolog liest man: “Ein eigener Ort im Grünen für den Rückzug, für ein bisschen Freiheit inmitten des umzäunten Landes…”
Dass dieses Refugium bald selbst ins Visier von Soldaten geriet, hat mit Wettrüsten, Atomkriegsgefahr und Betonbunkerbau für den Staats- und Parteiadel zu tun. Weltgeschichte und die kleinen Wehwehchen, drängende Systemregulierungsfragen und paar Bierchen – Peggy Mädler hat sich ein Herz gefasst, hat es gewagt und eine Romanwelt voll des unregulierbaren Lebens gestaltet. Sprachgewandt. Oft sparsam. Immer wieder unterhaltsam – allein schon durch den Jargon der systemkonformen oder systemkritischen Kybernetiker. Als Wahlberlinerin sagt die promovierte Vielfachbegabte mit viel Theater im Kopf, man habe als Familie mit Kind längst auch eine Datscha.
Gewertgeschätzt wird auch: “Ihr Programmierer wart mal die fähigsten Leute. Weil ihr analytisch denken und improvisieren könnt.” Der Nachsatz des Sachbearbeiters im Amt ohne Arbeitsillusionen klingt schon fast wie neuer Romanstoff: “Gleichauf mit den Handwerkern…” Unter den Gästen war auch Michael Otto, dessen Werke zurzeit bei Tucholsky gezeigt werden. Er hätte Georg sicher anders ins Bild gerückt als die Künstlerin Mona. Im Roman wieder was Entzückendes: Die Mona wolle Georg malen, weiß Hannes. Und weiter: “Jetzt kommt er ins Museum.”

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