Gäb es eine Rangliste der modernen Poesie deutscher Sprache der letzten 150 Jahre, also seit Rainer Maria Rilkes Geburt, die Lyrikerin Olga Martynova spielte dort sicher oben mit. Übertrüge man ihre Verse in einfache Sprache, ginge das Wesentliche verloren. So ist das. In Neuruppin begann das Poesiefestival “Pop und Petersilie” mit ihrem Auftritt. Ein aufmerksames Auditorium lauschte. Musik wurde auch geboten.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Andreas Knaesche moderierte. Als Musiker war Matthias Marggraff alias Ultracello zu erleben. Er improvisiert, er lässt Cello und Soundmaschine eine gewisse Freiheit. Das Zittern der Luft, die Schwingungen ließen sich auch unterlegen, während die Lyrikerin liest, selbst bei traurigen Versen. Doch der Zugang wäre wömöglich noch schwieriger. Andreas Knaesche bahnt einen Weg über das Thema Trauer. Die 1962 in Sibirien geborene Künstlerin hat Russland 1991 gemeinsam mit ihrem Mann, dem Dichter Oleg Jurjew, verlassen. Er starb 2018. Der Band “Such nach dem Namen des Windes” ist ihm gewidmet. Seit den Tagen des Abschieds schreibt sie auf Deutsch.
Das Gedicht “Ich sah mich Tennis spielen” verknüpft einfache Bilder mit Fragen der Transzendenz. “Der Gegner unsichtbar”, heißt es. Klar, dass eine dieser Ballmaschinen im Spiel sein könnte. Doch “er” ist es. Er war es. Er ist tot. “Ohne Reim zu schreiben ist wie ohne deinen Atem zu atmen.” Zwei Verse, kein Komma. Ein Reim also undenkbar. Als “Trauererkundung” sieht sie ihre Poesie. Als Impuls für ein Meditation reichte ein einziges Gedicht. Gerne mit Ultracello, mit Marggraffs dunkelsten Strichen.
Knaesche wirkt gut vorbereitet. Mit Christian Morgensterns “Werwolf” wird eine andere Seite der Dichterin aufgeblättert. “Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar, doch ‘Wer’ gäb’s nur im Singular”, zitiert sie den lustigen Kollegen. Schon gerät einer dieser zwanghaften Deutschlehrer ins Visier. “Lehrmeister Leben” wird seiner Lektion in Grammatik vorgezogen. Ob man es wagt, eins ihrer Poeme im Zentralabitur im Fach Deutsch anzubieten? Zum Ingeborg-Bachmann-Preis 2012 kam weiterer Lorbeer hinzu.
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Im Gespräch geht es auch um das früh gewählte Exil, um den anhaltenden Angriffskrieg ihres Heimatlandes Russland gegen die Ukraine. Sie hat Freunde in beiden Staaten. Talkshowfragen bleiben ihr und damit den Gästen erspart. Ihr Gedicht “La Speranza” ist gnadenlos, kein Hauch von Hoffnung. “Speranza, du tust mir leid”, hört man die lyrische Stimme. Ein Dreiecksverhältnis mit “ihm” lässt sie von einer “Seifenoper” sprechen. Man muss das lesen, wie sie von einer “Gleichung” spricht, obwohl nichts einander gleicht. Mit “Hälfte des Lebens” von Friedrich Hölderlin hat sie sich auch befasst.

Fotos: VHS
“Der junge Fritz” hätte sogar eine Verbindung mit Neuruppin möglich gemacht. Doch Olga Martynova las nicht von “Hans Hermann von Kattes Tod”, von Kronprinz Friedrich und von dem “Mörder” genannten ehrwürdigen Vater. Die Lyrikerin, der Moderator und der Musiker wurden mit dankbarem Applaus verabschiedet. Stoßseufzer waren hier und da auch zu vernehmen. Hohe Kunst, schwere Kost. Wer das Werk schon vorab erworben hatte am Büchertisch bei “Fontane”, war eindeutig im Vorteil.

