Volkmar Heuer-Strathmann und Otto Wynen vor der Lesung
Im Rahmen der „Offenen Höfe“ wurde der Hof des historischen Predigerwitwenhauses in Neuruppin am Wochenende zu einem besonderen Ort zwischen Literatur, Musik und Zeitgeschichte. Autor Volkmar Heuer-Strathmann präsentierte gemeinsam mit der Kontrabassistin Berit Jung einen ebenso poetischen wie politischen Balladennachmittag – mal ironisch, mal melancholisch, mal scharf beobachtend. Rund 100 Besucherinnen und Besucher nahmen im Verlauf des Nachmittags an den aufeinanderfolgenden Lesungen und Gesprächen teil und genossen die musikalische Darbietung.
Von macron
Zwischen Kaffee, Kuchen und alten Mauern spannte sich ein weiter Bogen: von Theodor Fontane über den Ruppiner Seedamm bis hin zum Seenotretter Axel Steier – und zum Aufstieg und Fall des Neuruppiner Unternehmers Olaf Kamrath. Die musikalische Begleitung auf dem Kontrabass verlieh den Texten dabei eine besondere Tiefe – manchmal zurückhaltend und atmosphärisch, manchmal fast dramatisch.
Organisiert wurde die Veranstaltung im Rahmen der Offenen Höfe von engagierten Mitgliedern rund um den Fontane-Kosmos. Bereits zur Begrüßung wurde deutlich, dass hier ein bewusst offenes Format zwischen Lesung, Performance und Gespräch entfaltet werden sollte.
Im Mittelpunkt immer wieder die Frage, wie sehr Fontane bis heute das kulturelle Selbstverständnis Neuruppins prägt. Heuer-Strathmann griff dies in seiner nicht enden wollenden Liste „Markenzeichen“ pointiert auf:
„Fontanehaus.
markenzeichen von Volkmar Heuer-Stratmann
MS Fontane.
Herr Fontane.
Fontane’s Grill.
‚Einen Fontane, bitte, rot, Null Zwei…‘“
Mit feiner Ironie zeichnete der Text das Bild einer Stadt, in der Fontane längst allgegenwärtig geworden ist – bis hin zum „Fontane Döner“ oder „FONTI“. Das Publikum reagierte hörbar amüsiert.
Direkt daneben stand die Auseinandersetzung mit Fontane selbst. Ausgehend von dessen Gedicht „Publikum“ wurde ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart eröffnet. Fontanes Zeilen:
„Das Publikum ist eine einfache Frau,
AUS „Publikum“ VON Theodor Fontane
Bourgeoishaft, eitel und wichtig“
wurden von Heuer-Strathmann mit einer eigenen Variation beantwortet:
„Der Autor ist ein schwieriger Mann,
AUS „Autor“ Von VolkmaR Heuer-Strathmann
bildungsbürgerlich, eitel und wortgewichtig“
Immer wieder verband der Nachmittag historische Stoffe mit aktuellen Fragen. Besonders eindrücklich gelang dies in der Ballade „Der Damm am See“. Ausgangspunkt ist der Seedamm am Ruppiner See, doch die Geschichte führt von Fontanes „Brück‘ am Tay“ über Kriegserinnerungen bis zu heutigen Ängsten vor Zerstörung.
Dabei entstanden Bilder, die vielen Zuhörerinnen und Zuhörern vertraut vorkamen:
„Da liegt der Damm, der die Schienen trägt,
durchfließt der Rhin, der die Lande prägt.“
und weiter:
„Und heute, 10. April 45, wieder alliierte Bomberattacken?
Im 3. Waggon der Junge mit seinen gebastelten Krücken.“
aus „Der Damm am See“ von Volkmar Heuer-StraTHMANN

Fotos: macron
Einen ganz anderen Ton schlug die Ballade über Olaf Kamrath an. Hier wurde die Nachwendezeit in Neuruppin lebendig – geprägt von Aufbruch, schnellem Geld und dem Gefühl grenzenloser Möglichkeiten.
Mit den Zeilen:
„Olaf Kamrath war unser Würstchenmann!
Bei ihm standen wir wegen der Würstchen an“
zeichnete Heuer-Strathmann zunächst das Bild eines beliebten lokalen Unternehmers. Im weiteren Verlauf entwickelt sich daraus jedoch eine Ballade über Absturz, Kriminalität und die wilden Jahre nach der Wende:
„Wildwestzeit im Osten, da war kein Halten“
AUS „OLAF KAMRATH“ VOn Volkmar Heuer-Strathmann
heißt es dort, bevor Glücksspiel, Drogenhandel und die sogenannte „XY-Bande“ thematisiert werden. Die Ballade blieb dabei bewusst ambivalent: weder Verklärung noch einfache Verurteilung. Vielmehr entstand ein literarisches Porträt einer Zeit, die viele in Ostdeutschland bis heute widersprüchlich erinnern.
Auch die Ballade über den Neuruppiner Flüchtlingsretter Axel Steier sorgte für intensive Reaktionen. Heuer-Strathmann beschreibt darin Steier als jemanden, der Menschen rettet und zugleich selbst zum Gegenstand öffentlicher Debatten wird:
„Hat viele gerettet, ganz ohne Lohn,
aus Liebe, Neuruppins edler Sohn.“
Später heißt es:
„Und er jetzt? Echt jetzt? ‚Politisch tot?‘“
Aus Axel Steier VOn VOLKMAR Heuer-Strathmann
Gerade dieser Wechsel zwischen Pathos, Ironie und politischer Reibung prägte den gesamten Durchgang. Die Balladen wollten nicht nur unterhalten, sondern Diskussionen anstoßen.
Auch das Predigerwitwenhaus selbst wurde Teil der Erzählung. In „Schinkels Baum“ erinnerte Heuer-Strathmann an den legendären Fontane-Birnbaum und verband ihn poetisch mit Kindheit, Erinnerung und literarischer Inspiration:
„Später hat die Frucht Fontane inspiriert,
Aus SchiNKELS Baum von Volkmar heuer-Strathmann
als er die Leser zu Herrn von Ribbeck geführt.“
Die offene Atmosphäre des Hofes, Gespräche zwischen den Gästen und das Zusammenspiel aus Literatur und Musik machten den Nachmittag zu einem der besonderen Beiträge der diesjährigen Offenen Höfe. Ohne Probe, das Ganze. Ein mutiges Experiment. Es gelang. Viele Besucherinnen und Besucher blieben auch nach den Lesungen noch lange sitzen, diskutierten über Fontane, Neuruppin und die überraschende Aktualität von Balladen.
