Ein vermeidbares Unglück? – Eine Selbstbefragung

Ein obdachloser Mann lebt wochenlang sichtbar am früheren Busbahnhof. Viele sehen ihn, kaum jemand spricht ihn an. Als sein Lager schließlich brennt, wird aus der Beobachtung eine bedrängende Frage: Wann beginnt unsere Verantwortung für einen fremden Menschen?

Von Otto Wynen

Seit mehreren Wochen habe ich das Lager des obdachlosen Mannes am früheren Busbahnhof gesehen. Es war ja auch unübersehbar: ein Einkaufswagen vollgepackt mit Utensilien jeder Art. Oder war es Müll? Oder eingesammelte Pfandflaschen? Und das Ganze wie eine Barrikade vor der Sitzbank im Bushäuschen. Da nämlich schlief der Mann – Tag und Nacht. So jedenfalls schien es mir. Wer lange in einer Großstadt gewohnt hat, kennt diesen Anblick – und kümmert sich nicht weiter drum. Das sind die „bedauerlichen Begleiterscheinungen“ unserer Gegenwart. Denkt man. Oder was denkt man beim Anblick einer solchen Situation?
Es ist etwas komplizierter, etwas komplexer. Der erste Impuls bei mir war, ich müsste diesen Mann einmal ansprechen. Er hatte und hat ja offenkundig „Probleme“. Aber wie macht man das? Ansprechen. Einen wildfremden Mann. Jemandem Hilfe anzubieten, ist ja gar nicht so einfach. Es kann schnell – wie wir heute sagen – übergriffig sein. Die Selbständigkeit jedes Menschen gehört zum unhintergehbaren Credo unserer Zeit. Zu Recht. Aber wann sollte man jemandem helfen? Oder signalisieren, dass man zur Hilfe oder Unterstützung bereit ist? Muss man von einem vielleicht hilfsbedürftigen Menschen ein Zeichen bekommen? Was aber, wenn dieser Mensch, aus welchem Grund auch immer, gar nicht dazu in der Lage ist?
All diese Fragen gingen mir immer und immer wieder durch den Kopf, wenn ich an diesem Bushäuschen vorbeifuhr. Mit zunehmend schlechtem Gewissen. Trotzdem konnte ich mich nicht überwinden, den Mann anzusprechen. War oder ist es Angst vor einem Fremden? Oder Angst vor einer durch eine erste Kontaktaufnahme entstehenden Verpflichtung?
Wie schnell konnte ich mich immer noch damit beruhigen: Ach, es wird sich schon jemand um ihn kümmern. Dann schlich sich allerdings auch bald die Frage ein: „Wer sollte das sein?“ Sah ich mich nicht in der Verantwortung, weil wir in unserem ja immer noch gut funktionierenden Sozialstaat genügend Helfer, Helferinnen und Institutionen haben, die sich um Menschen wie diesen Obdachlosen professionell kümmern? Kümmern müssten. Denn ich sah ja, dass tatsächlich nichts geschah. Und ich sah es Tag für Tag. Den Menschen selbst hatte ich dabei bisher kaum zur Kenntnis genommen. Er lag, wenn ich mit dem Fahrrad vorüberfuhr, meistens auf der Sitzbank, verdeckt von seinen Habseligkeiten.
Nochmal die Frage: Warum war ich nicht in der Lage, über meinen Schatten zu springen? Ich weiß keine schlüssige, keine glaubhafte Antwort. Und ich glaube, es geht vielen Menschen so. Den meisten. Wir sehen etwas, das unser Engagement, unser Eingreifen geradezu herausfordert und wir bleiben passiv.
Gestern Abend (Samstag, d. 29. August) wurde das Lager des Obdachlosen offenbar abgefackelt. Genau das hatte ich in den vergangenen Tagen zunehmend befürchtet. Inzwischen hatte ja auch „die Zeitung“ über die Situation des „Obdachlosen“ geschrieben. Mit einem markanten Schlusssatz: „Doch der Mann macht es Helfern nicht leicht.“
Sollte mich diese Erkenntnis nicht entlasten? Hatte ich das nicht auch vermutet? Hatte ich vielleicht geahnt, dass dieser Mensch sich gar nicht helfen lassen wollte? Vielleicht. Aber ist das eine Entschuldigung für meine Teilnahmslosigkeit? Nein. Nein, ist es nicht. Ich spüre ja, wie das Bild dieser Situation mir keine Ruhe lässt. Es nagt an mir. Es fordert mich heraus. Und ich merke, dass ich vielleicht selbst Hilfe benötige, um mit einer solchen Situation klarzukommen.
Ich denke, wir brauchen mehr Erfahrungen für konkrete, praktizierte Solidarität. Auch mit wildfremden Menschen. Wir werden es lernen müssen.

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