Eine Tafel erinnert an die Opfer der NS-Euthanasie
Mit einer bewegenden Gedenkfeier, Lesungen von Schüler:innen und Musik wurde in Neuruppin an die Opfer der NS-„Euthanasie“ erinnert – ein Rundgang über den Friedhof schloss das Gedenken ab.
Von macron
In Neuruppin wurde auch in diesem Jahr der Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen gedacht – jener Menschen, die in psychiatrischen Einrichtungen entrechtet, deportiert und schließlich ermordet wurden. Die Gedenkveranstaltung führte zurück in eine Zeit, in der staatlich organisierte Gewalt über Leben und Tod entschied und Tausende Patientinnen und Patienten aus der damaligen Landesanstalt Neuruppin in den Tod geschickt wurden.
Bereits 1934 schuf das NS-Regime mit dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ die Grundlage für systematische Zwangssterilisationen, von denen etwa 400.000 Menschen betroffen waren. Wenige Jahre später begann mit der sogenannten „Aktion T4“ die organisierte Ermordung von Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie geistigen und körperlichen Behinderungen. Am 25. April 1940 verließ der erste Transport mit Patientinnen aus Neuruppin die Anstalt – ein Weg, der für viele in den Gaskammern der Tötungsanstalten endete.
Die nüchterne Sprache der Täter verschleierte das Verbrechen. Auf Dokumenten ist von „Verlegung“ die Rede – ein Wort, das harmlos klingt, aber den Weg in den Tod meinte. Rund 2.500 Menschen wurden allein aus Neuruppin in die Vernichtungsstätten deportiert. Auch nach dem offiziellen Ende der „Aktion T4“ hörte das Morden nicht auf: Viele starben durch gezielte Vernachlässigung, Hunger oder Überdosierung von Medikamenten.
Das Gedenken richtete sich nicht nur auf die Opfer selbst, sondern auch auf ihre Familien. Angehörige wurden bewusst im Unklaren gelassen, oft erst durch gefälschte Todesnachrichten informiert. Abschied war nicht möglich, Fragen blieben unbeantwortet. Briefe aus jener Zeit zeigen die Verzweiflung und Wut der Hinterbliebenen, die um Aufklärung baten und doch nur auf Schweigen oder Lügen stießen.
Die Erinnerung an diese Verbrechen ist mehr als ein Blick in die Vergangenheit. Sie holt die Schicksale der Opfer zurück ins Bewusstsein und macht deutlich, dass hinter jeder Zahl ein Mensch stand – mit einem Leben, einer Geschichte, mit Angehörigen. In Neuruppin wird dieses Gedenken bewusst wachgehalten: durch gemeinsame Veranstaltungen von Stadt, Klinikum, Kirchengemeinden und engagierten Bürgerinnen und Bürgern.
Die Gedenkfeier wurde auch von Schüler:innen der Evangelischen Schule Neuruppin mitgestaltet, die mit ihren Lesungen an einzelne Schicksale erinnerten und den Opfern eine Stimme gaben. Musikalisch setzte die Sopranistin Anna Cron einen besonderen Akzent: Sie sang ein Liebeslied des Komponisten Walter Frick, der am 7. August 1941 starb und selbst zu den Opfern der sogenannten „wilden Euthanasie“ zählt.

Der Rundgang über den Friedhof fand am 26. April im Anschluss an die Gedenkfeier statt. Über den Friedhof hinter der Kapelle, auf dem sowohl Opfer der „Euthanasie“-Verbrechen als auch beteiligte Ärzte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beerdigt wurden, führte Pfarrer Thomas Klemm-Wollny. Begleitet wurde der Rundgang von Bürgermeister Nico Ruhle und zahlreichen Mitbürger:innen.
Die Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der Geschichte mahnt zur Wachsamkeit. Es erinnert daran, wie schnell Ausgrenzung, Abwertung und ideologischer Fanatismus in Gewalt umschlagen können. Zugleich ist es ein Aufruf, die Würde jedes Menschen zu achten und eine Gesellschaft zu gestalten, in der niemand aufgrund von Krankheit, Herkunft oder Anderssein ausgegrenzt wird.
