Das wahre Gesicht des blutdürstigen Orlok mit seinem Siechmund.
“Nosferatu” gehört noch zu den Stummfilmen. Ein paar Informationen und Äußerungen werden im Bild als Handschrift präsentiert. Dazu in Lichtspielhäusern gerne etwas Begleitung am Klavier. Anders in Neuruppin in der Klosterkirche. Da ließ sich der Italiener Paolo Oreni an der Orgel so intensiv auf die Dramatik der Handlung ein, als wollte er den Stoff aufsaugen, das Blut im Rhythmus seines Spiels pulsieren lassen bis zum tosenden Applaus. Wahnsinn!
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Matthias Noack gab vorab ein paar Informationen. Vor ihm ein großes Publikum. Neben ihm ein Genie der Klangkunst. Über ihm die Zwillingsorgel. Und Kirchenatmosphäre, schon durch die Fenster. Dazu gewiss hohe Erwartungen, denn Paolo Oreni war bereits zweimal in der Fontanestadt zu Gast. Und seine Art, sich als Filmbetrachter einzulassen auf das Gebotene, ist einfach grandios. Liebesdramatik und Vampirdurst, Immobilienhandel und Pestgefahr, Seefahrt und Bergtour, Schönheit und Abschaum sollen Klang werden. Und all das im Gotteshaus. Anders als bei anderen Gelegenheiten gab es diesmal vorab keinen Psalm. Keine Aphorismen. Dafür ist der Stoff zu mephistophelisch und schon ein Wort wie “reines Blut” zu brisant. Die Rede von “blauem Blut” wäre noch blöder. Ob es in Magdeburg im Dom bald eine knatternde Auspuffvariante mit Simsons gibt, um zu entlarven, was der schlafenden Unschuld droht?
Denn Graf Orlok ist blutdürstig. Ist süchtig. Und berüchtigt. Sein Siechmund sieht aus wie ein Schandmaul. Zur Not reicht, was runtertropft bei Thomas Hutters Maleur mit dem Brotmesser. Dürstet der Organist auch? Nur zunächst. Er saugt Eindrücke auf. Aber nicht mehr, wenn es um das angeblich noch weitaus besser mundende Blut von Ellen Hutter geht. Eine Männerorgie ist mit dem Entfesselungskünstler nicht zu machen. Aber einfach alles geschehen lassen wie in finstersten Alpträumen oder gar romantisieren?

Der Künstler kann träumen lassen, aber ebenso aufschrecken. Jäh! Ob Pferdegetrappel oder Menschengerenne, die Rhythmen werden variiert. Die Effekte ebenso. Erhaben liegen die Karpaten in seinen Klangbildern da. Untergründig dräuend wirkt die offene See. Häuser stehen da wie durchlöchert. Die Welt ist in Bedrängnis. Engel sind nicht zu hören und Melodien von Paul Gerhardt auch nicht. Martin Luther hat frei. Erholen von Wittenberg. Die Dunkelheit in St. Trinitatis könnte Jesu Kreuz fast vergessen lassen an diesem Abend.
Modern ist der Film aus dem Jahr 1921/22 angelegt, was Schnitt und Ausschnitt, was Gestik und Grimasse anbelangt. “Symphonie des Grauens” trägt in sich schon alle ästhetische Ambivalenz. Erst kürzlich war aus den erhalten gebliebenen Filmpassagen das vorliegende Werk geschaffen worden. Ohne Vorinformationen erschlösse es sich auch, aber mühsam. Und zu Lasten des Gesamteindrucks, denn dann könnte manches rätselhaft bleiben, was Oreni da bewerkstelligt als Herr über alle Pfeifen. Er hat sein Ohr am Volk in der Stadt oder an Deck, er lauscht den Liebenden, gegebenenfalls aus der Ferne und sehnsuchtsvoll. Den Vampir lässt er nicht zu monströs wirken. Eher geheimnisvoll, bei allen Ängsten und Sorgen. Aufgeklärt betrachtet, ist der Influencer doch zu bedauern angesichts dieser folgenreichen Ernährungsstörung.

Fotos: VHS
Die 13 erwies sich als Glückszahl in der Reihe der Sommerkonzerte 2026, das zeigte sich nicht erst, als sich die eben noch gebannt lauschende und schauende Menschenmenge in der Kirche erhob, um dem Künstler anhaltend und leidenschaftlich zu applaudieren, sicher nicht ohne auch an Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau, sein Team und die emsigen Aufbereiter des Materials zu denken.
Am 15. September geht es in der Reihe weiter mit “Into the Winds”. Das Wind-Quartett Neuruppin tritt auf. Keine Angst! Man bläst bloß auf Holz. Und wird den Heiligen Geist sicher nicht so herausfordern. Beginn ist wieder um 19.30 Uhr. Und da heißt es nicht wieder heimlich und hochpolitisch: “Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer!”
