Eine Darstellung besonderer Kriegsereignisse wird angkündigt.
Geht es um Krieg, ist oft vom Kampf zu Wasser, zu Lande und in der Luft die Rede. Vom Kampf auf Papier und mit Papier wäre auch zu sprechen. Es lohnt sich, die “Bilderbogen vom Kriege” näher zu betrachten. Verantwortlich für Druck und Verlag: die Firma Gustav Kühn, Neuruppin.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
In “Zur Geschichte der Neuruppiner Bilderbogen” präsentiert Lisa Riedel, die langjährige Leiterin des Museums Neuruppin, im Jahr 1985 einen Bilderbogen, der den “Übergang der russischen Armee über die Weichsel” zeigt. Er stammt aus dem Jahr 1830. Im bunten Band “Neuruppiner Bilderbogen” aus dem Jahre 2009 ist das “Deutsche Heer: Infanterie mit Musikkorps” zu sehen. Vom Krieg keine Spur im Jahr 1871. NS-Zeit und Zweiter Weltkrieg sind kein Thema. Dabei sind “Bilderbogen vom Kriege” erhalten geblieben.

Der propagandistische Zweck ist offensichtlich – von der ersten bis zur letzten Seite. Großformat wird geboten. Erfolge werden präsentiert. Die Feinde werden verspottet. Bild und Wort ergänzen sich in nationalsozialistischer Herrlichkeit. “Der Angriff des Feindes zerschellt! Hier stehen die besten Soldaten der Welt!” An den Baron von Münchhausen darf gedacht werden beim “Tollkühnen Ritt auf einem Sowjetpanzer”. Ulkig ist daran nichts. Ein Landser erklimmt den Panzer. Durch eine leicht geöffnete Luke wirft er eine Handgranate. “Aus allen Fugen bricht das Feuer, erledigt ist das Ungeheuer!” Dafür gibt’s das Eiserne Kreuz I.
Sewastopol wird eingenommen. Ebenso Wilikije Luki. Imposante Bilder zeigen den Kampf auf dem “Kanal”, mit Stolz und Siegesgewissheit präsentiert man den “Atlantik-Wall”. Deutsche U-Boote durchkreuzen die Meere. Derweil sind HJ-Einheiten zu Hause bei Luftangriffen wagemutig im Einsatz. Unermüdliche Krankenschwestern werden gezeigt. Engländer, so Vers und Strich, hätten aus Mordlust ein Krankenhaus bombardiert, das eigentlich durch das Rote Kreuz klar gekennzeichnet war. Man sieht es. Auffällig ist an dem Machwerk, dass Kriegsfahne und Hakenkreuz kaum mal präsentiert werden. Beim Straßenkampf im Osten hat man schon wieder die Sowjets im Visier: “Mag auch der Russe stärker sein, so wird er doch bezwungen.”

Alle Darstellungen abfotografiert aus dem Originaldokument.
Wo sich die antiquarisch erhältlichen Materialien im Frühjahr 1945 befanden, erfährt der Kunde nicht. Über die Zahl der zu Kriegszeiten gefertigten Bilderbogen gibt es nur vage Aussagen. Unstrittig ist, dass die “Bilderbogen vom Kriege” Teil der Verlagsgeschichte sind und mit Neuruppin so untrennbar verbunden sind wie die vielen Festlichkeiten, das naturkundliche Lernmaterial, die Alltagsszenen, die Berufsbilder, das Liebesglück und die kleine Sittenlehre. Hier aber gilt laut Vorspann in Kriegszeiten der “Anspruch, dem Heldengeist unserer deutschen Soldaten gerecht zu werden und das Gedächtnis ihrer Taten lebendig zu erhalten bei Kind und Kindeskindern”.
Das kann geschehen. Nur unter umgekehrtem Vorzeichen. Ob die Befreier, aus denen befreundete Besatzer wurden, hier in Neuruppin Bilderbogen dieser Art zu Gesicht bekamen?
