Neuruppiner Bilderbogen aus Westberlin in der BRD – ein Projekt im Jahr 1982

Der Bestand an Neuruppiner Bilderbogen im hiesigen Museum ist erst kürzlich wieder erweitert worden. Eine Sonderausstellung zeigt es. Dass es auch in Berlin eine Sammlung gibt, ist nicht so bekannt. Dabei waren es Bilderbogen aus dem damaligen Museum für Deutsche Volkskunde in Dahlem, die 1982 in der BRD in Form einer Wanderausstellung gezeigt wurden. Auch die Kreisstadt Neuruppin im DDR-Bezirk Potsdam wird in dem Ausstellungskatalog porträtiert.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Die Gesamtzahl der produzierten Neuruppiner Bilderbogen wird im Katalog mit über 20.000 angegeben. Selbst hatte man in Dahlem inzwischen immerhin 1220 Exemplare. In der von Museumsleiter Theodor Kohlmann entwickelten Wanderausstellung werden über 190 Bilderbogen gezeigt. Cloppenburg, Hamm und Bonn-Bad Godesberg waren die weiteren Austellungsorte. Peter-Lutz Kindermann, als Pädagoge im Wedding tätig und bekennender Bilderbogenfan, reiste nach Neuruppin. Noch vor den fünf Themenschwerpunkten Krieg und Frieden, Fürsten und Forscher, Bilder für fromme Christen, Genrebilder und Bildergeschichten zu Liedern, Märchen und Erzählungen sollte Neuruppin den Menschen im Westen als Stadt der Bilderbogen näher gebracht werden.

Ein Blick in den Katalog zur Ausstellung: Heimatmuseum Neuruppin, 1981
abfotografiert aus dem Katalog zur Ausstellung in Westberlin und der BRD

Die Fotos von Uta Franz haben etwas Trübes. Einladend wirkt keins der Schwarz-Weiß-Bilder. Theodor Fontanes Geburtshaus in der Karl-Marx-Straße und das Schinkel-Denkmal von Max Wiese an der Friedrich-Engels-Straße sind zu sehen. Die überdimensionale Büste von Karl Marx störe das menschliche Maß, das sonst in Neuruppin allenthalben herrsche, meint Kindermann. Die Stadt am Ruppiner See scheint ihm aber doch irgendwie zu gefallen. Bei den russischen Kasernen war er wohl nicht, am Flugplatz auch nicht. Kein russischer Soldat in Sicht. Von Lärm kein Wort. Bis zu MiniMax ging der Spaziergang anscheinend auch nicht. Die Platten am Rande sind kein Thema. Aber die als generell denkmalgeschützt geltende Kernstadt.
Im Museum muss es 1981 eine kleine Schinkel-Ausstellung gegeben haben. Das Museum ist der Heimat verpflichtet, bedeutenden Persönlichkeiten und ihren Wirkungsfeldern, aber auch unweit entfernten Orten wie Fehrbellin. Das Haus schmückt sich mit Bilderbogen der unterschiedlichsten Art und ist den Betrieben Kühn, Oehmigke & Riemschneider und F. W. Bergemann zutiefst verbunden. Kindermann trifft 1981 auf zwei Arbeiter bei Kühn. Widerwillig und halb abgewandt hätten sie bestätigt, dass hier mal die Kühn’sche Druckerei gewesen sei. Eine Erinnerungstafel gebe es nicht. Schweigen. Den Kontakt zu Lisa Riedel, der Museumsleiterin, scheint Kindermann nicht gesucht zu haben.
Der Besucher deutet nur an, wie im Museum an den Zweiten Weltkrieg und die NS-Diktatur erinnert wird, etwa durch Hinweise auf den Todesmarsch der Kolonnen aus den Lagern im April 1945. Ein Häftlingsanzug aus Sachsenhausen werde gezeigt. Die Systemfrage schrumpft zu einem lapidaren Satz zusammen: “Folgt schließlich die obligatorische Dokumentation über die Etablierung des Sozialismus nach dem Kriege.”
Kohlmann hebt später hervor, dass die Neuruppiner Bilderbogen zur NS-Zeit propagandistisch wurden. In der Ausstellung zeigt man allerdings eins der harmloseren Werke. Mit realen Ereignissen hatten die Bilderbogenmaler schon im 19. Jahrhundert Schwierigkeiten. Da biete die Fotografie andere Möglichkeiten. Und immer mehr Illustrierte bedienten sich dort. Die Präsentation der Bilderbogen ist vielgestaltig. Der Schwarz-Weiß-Druck lässt im Katalog leider vieles verblassen. Zum Trost sind vier farbige Bogen eingelegt. Viele der kleinen Texte sind nur mit Lupe lesbar.

“Disharmonien in der Damenkapelle”, Gustav Kühn Neuruppin, um 1890
abfotografiert aus dem Katalog zur Ausstellung in Westberlin und der BRD

Wie die Ausstellung aus West-Berlin ankam in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, ist nicht überliefert. Wer sich für Wilhelm Busch interessiert, sieht, wie Motive und Gestalten seiner Bildergeschichten in Werken wie “Der Bleistift als Mordinstrument” aufgegriffen werden. Da wirken die christlichen Motive zuvor doch anders, nie karikaturhaft, stets frömmig, eher bieder.
Anfang der 80er-Jahre wurde in Deutschland intensivst diskutiert über Krieg und Frieden, speziell über Nuklearwaffen, Mittelstreckenraketen und Erstschlagkapazitäten. Die Chance, Kriegsmotive einer anderen Zeit mit Gegenwarts- und Zukunftsbezug darzubieten, bleibt ungenutzt. Ein bisschen Spott von Fontane greift Kindermann gerne auf, wenn es um die Weltbedeutung der Neuruppiner Bilderbogen geht, insgesamt aber würdigt er genauso wie Kohlmann das Gestaltete. Durch Bilder auf Schulhelften bekamen Händler allerdings sogar mal mit Polizei und Zensur zu tun: “Keine Darstellungen revolutionärer oder unsittlicher Vorgänge!”, war die Devise.

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