Vom Ministerempfang bis zur Comicaktion – ein Spaziergang durch Neuruppin

Nichts los in Neuruppin? Schöner Scherz! Nehmen wir einmal kaum mehr als eine einzige Stunde am Samstagvormittag. Gehen wir einfach mal vom Rheinberger Tor bis zum Schulplatz als Augen- und Ohrenzeuge, als Fußgänger. Das eigentliche Ziel ist ein Fahrradgeschäft unweit des Platzes. Mal fragen, ob sie auch richtige alte gebrauchte Fahrräder haben. Oder nur den Elektroschrott von morgen.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Auf dem Parkplatz beim Rheinsberger Tor versammelten sich Stadtprominenz und interessierte Bürgerinnen und Bürger, um gemeinsam mit Minister Robert Crumbach (SPD) bei einem Gang durch die Stadt der “35 Jahre Städtebauförderung” in Brandenburg zu gedenken und neue Impulse zu geben. Dazu gehörte natürlich der Takt des Regionalbahnverkehrs. Mit dem umweltbewussten Umbau des Arreals auch eine Verbesserung der modernen Mobilität zu erreichen, das scheint den Initiatoren der Petition zum Halbstundentakt immer noch möglich. Als Minister für Infrastruktur und Landesplanung ist der als politisch sehr wendig bekannte Crumbach sicherlich die richtige Adresse.

Tagestouristen vor dem Geburtshaus Theodor Fontanes.

Auf der Karl-Marx-Straße ist noch eine zweite Gruppe zu Fuß unterwegs. Der Bus der Tagestouristen wirkt auf der Schinkelstraße unglücklich platziert. Was die Gäste vor Theodor Fontanes Geburtshaus hören müssen aus dem Munde einer Fahrtbegleiterin, kann kaum unwidersprochen bleiben: “Gleich kommen wir zum Marktplatz. Dort liegt auch das Evangelische Gymnasium, lange Zeit auch Schinkelgymnasium genannt.” Noch Fragen? Soll man, selbst schon wieder angezogen vom Charme der Fontane Buchhandlung und doch bloß Neubürger, dazu etwas sagen? Klar! Und die Dame beharrt nicht auf ihrem Unsinn. Humor reist mit. Das gibt’s.

“Da kann ich nicht einfach vorbeigehen”, so die Betrachterin.

Was kurz darauf am Denkmal für Friedrich Wilhelm II. zu sehen ist, lässt innehalten. Fotografien zeigen Überlebende des Holocaust. Die Präsentation gehört zum Projekt “Gegen das Vergessen” von Luigi Toscano, einem deutsch-italienischen Fotografen. Knappe Informationen zur jeweiligen Biografie ergänzen das Bildmaterial. Das Glück des Überlebens soll nicht ablenken von der verbrecherischen Politik der Nazis. Ob die Präsentation an den Gittern unter dem Preußenkönig bewusst gewählt wurde vom Fotokünstler?

Kaum zu übersehen: Ein Erinnerung an die Anfänge 1990.

Die Wanderausstellung auf dem Schulplatz zur Stadtentwicklung seit 1990 rückt die Schinkelstadt in ein besonderes Licht. “Neuruppin gibt den Startschuss für den gesamten Osten”, heißt es dort auf einer der Plakatwände. Bildmaterial aus verschiedenen Städten Brandenburgs dokumentiert, wie sich die Lage im Jahr der sogenannten Einheit darstellte. Und was daraus wurde, wird auch gezeigt. In Kyritz etwa die Stadtbibliothek aus einer ehemaligen Brennerei. Dass Neuruppin bis heute 75,7 Millionen Euro aus der Städtebauförderung erhalten hat, erfährt, wer genau hinschaut. Gab es 1990 einen erschreckenden Rückstand gegenüber vergleichbar großen Städten in Westdeutschland, etwa in Niedersachsen, gibt es heute viel zu staunen, wenn Besucher aus jenen Regionen nach Neuruppin kommen. Ehe Westneid aufkommt, sagt man am besten schnell, das Erreichte sei nicht die Regel in OPR.

Mac-Otto Stoye bei der Eröffnung der Aktion mit Kindern.
Fotos: VHS

An diesem Samstag ist in der Stadtbibliothek im Alten Gymnasium wieder mal Gratis Comic Tag. Dass Comics ihre Wurzel in Neuruppin hätten, ist hoch umstritten, bei aller Bedeutung der Bilderbogen. Zumindest die in der Passage präsentierten Bildnisse lassen kaum an den Befreiungsschlag der Bildwelt denken, wie sie mit den Fliegenden Blättern aus München einhergehen, etwa aus der Feder von Wilhelm Busch. Ob sich der Zeichner und Karikaturist Max-Otto Stoye in bester Busch-Tradition sieht? Beim Workshop mit Kindern kann man solche Fragen schlecht klären. Man würde stören. Und wollte ja sowieso nur fotografieren. Die Fahrradfrage, die sich nach einem Diebstahl stellt, harrt noch der Antwort. Und nach dem Gang zu besagtem gut beleumundetem Geschäft nicht weniger…

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