Schuljubiläum in Neuruppin im Kriegsjahr 1915 – Gemischte Gefühle

Man konnte im Jahr 1915 in Neuruppin auf 550 Jahre Schulgeschichte zurückblicken. Doch der Blick fiel nicht ganz ungetrübt aus. Und eine richtige Festschrift mit Bildern und feierlichen Grußworten gab es auch nicht. Es war Krieg. Umso lesenwerter, was der Gymnasialdirektor Dr. Heinrich Begemann verlauten ließ.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

“Neuruppin 1915 am Gedenktage der Schlachten von Fehrbellin, Kolin und Belle-Alliance” – so endet das Vorwort. Zwei Namen stehen für Sieg oder eine Station auf dem Weg zum Sieg. Aber Kolin? Eine Katastrophe für Friedrich den Großen und seine Armee! Insgesamt ist im Vorspann Zuversicht zu erkennen, jedoch keinesfalls echte Siegesgewissheit. Begemann hofft, dass die “Frucht aus den Opfern von heute” aufgehen werde. Deutschland sieht er im Kampf “gegen den Neid und die Bosheit und die Untreue einer Welt von Feinden”. Dennoch sei es eine “Lust zu leben und ein tiefempfundenes, preiswertes Glück deutsch zu sein”. Die letzten drei Worte fett hervorgehoben.
Begemann gibt sich ansonsten nicht extrem nationalistisch. Er greift verhalten optimistisch voraus, wenn er hier schon an die im Jahr 1965 anstehenden 600-Jahrfeierlichkeiten am Friedrich-Wilhelms-Gymnasium zu Neuruppin denkt. Beim Rückblick auf die Schulgeschichte wird deutlich, dass die Frage nach ihrer Aufgabe zumindest im 19. Jahrhundert immer wieder gestellt worden ist.
Wie auf den Wandel der Anforderungen reagiert wird, sollen Hinweise auf Fächerkanon, strukturelle Veränderungen und Personalentwicklung zeigen. Bei der Ausbildung und dem Einkommen der Lehrer sieht Begemann gewisse Fortschritte. Der Mediziner im Wartestand, der bald weiterzieht, wird zur Ausnahme. Ewig wirkt der Einfluss der Altsprachler, aber der Blick auf die Antike ist nicht mehr genug. Und Zöglinge, die vermutlich das Zeugnis der Reife nicht anstreben werden, können irgendwann auf ein Ersatzfach für Griechisch ausweichen. Mathematik ist darunter, was nicht heißt, dass der traditionelle Absolvent um 1900 ohne Formeln und Zahlen ans Ziel kommen könnte. Über das geadelte Fach Französisch oder die französische Komödie als Gegenstand von Literaturbetrachtung äußerte sich Begemannn im Jahr 1915 im Papierbilligdruck lieber nicht näher. Stadtführer Peter Weber weiß das Stück Schulgeschichte zu schätzen. Er verwahrt es.
Im Jahr 1870 hatten die Zöglinge übrigens einen Abituraufsatz geschrieben zur Frage: “Weshalb hat der Deutsche ein Recht, auf sein Vaterland stolz zu sein?” Begemann meint eher lapidar, “Die Bedeutung der allgemeinen Wehrpflicht für Volk und Staat” (1871) berühre als Aufsatzthema die großen Ereignisse kaum. Eben erst, so der Direktor sichtlich beeindruckt, habe die Frage in einem Schulaufsatz gelautet, “ob man die Ausgaben für Heer und Marine unproduktiv nennen dürfe”. Längst gehe es auch um Technik, um Fortschritt und deutsche Errungenschaften, Stichwort Zeppelin. Streng militaristisch wirken seine Ausführungen nicht, aber kriegskritisch oder gar pazifistisch noch viel weniger.

Kriegsdienstgegnerinnen und Wehrpflichtkritiker vor der Protestkundgebung im Dezember 2025 auf dem Schulplatz.
Foto: VHS

Die Liste der Abiturienten enthielt früher Angaben wie “des Vaters Stellung” und die vor dem Abschied angegebene Berufsvorstellung. Zum tatsächlich Erreichten gibt es, soweit schon möglich, statistische Angaben. Ein kurzer Anhang listet 1915 ergänzend frühere Kriegsteilnehmer auf, sowohl Lehrer als auch Schüler. Es geht um 70/71. Im Jahr 1918 dürfte man an der Spitze der Anstalt eine bittere Bilanz gezogen haben. Mit welcher Geisteshaltung, das müsste eigens untersucht werden, falls weitere Schulleiterberichte erhalten geblieben sind.
Und die Feierlichkeiten zu 600 Jahren Schule in Neuruppin, die Begemann bereits am Horizont sah, wären ebenfalls ein großes Thema. Wie mag 1965 in der DDR von der Leitung der Erweiterten Oberschule über das Jahr 1915 gedacht worden sein? Die Schulgeschichte in Deutschland wurde ab 1918/19, noch mehr ab 1933 und ganz entscheidend ab 1945/49 ganz anders weitergeschrieben, als von Begemann 1915 angedacht.
Zur Geschichte der Garnisonsstadt Neuruppin gehört auch, dass das große Ehrenmal für die vielen Gefallenen des Ersten Weltkrieges im Jahr 1944 bei einem Luftangriff total zerstört wurde. Das Onlineprojekt “Gefallenendenkmäler”, das ausdrücklich keine Kriegsverherrlichung betreiben möchte, bietet Informationen. Nach Schulabschluss wird dabei nicht unterschieden.

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