Nachts macht der Müßiggänger eine Pause – vom Müßiggang Foto: Otto Wynen
Sprechen wir über Neuruppin. Ist es denn noch niemandem aufgefallen? Neuruppin ist die ideale Stadt für Müßiggänger. Eine gewisse mediterrane Trägheit liegt in der Luft. Die Stunden dauern hier etwas länger. Die hektischen Sekundenzeiger sind hier verpönt. Dazu die weiten Plätze und breiten Straßen. Hell und luftig. Keine Enge. Gedanken, Ideen und Phantasien schwirren mit großer Leichtigkeit und Anmut durch die Luft und man kann ihnen gelassen zuschauen. Suchen wir uns also ein schattiges Plätzchen, nehmen Platz auf einer stattlichen Bank und erfreuen uns an ihren kecken Spielereien. Geben wir uns dem puren Nichtstun hin und schweifen ab ins Himmelsblau.
Von Otto Wynen
Da, oh Schreck, oh Graus, seh ich schon aus der Ferne einen Jogger, nein, zwei auf mich zukommen. Vielleicht, sinniere ich, sind es junge Menschen, die noch an die Spitze der Leistungsgesellschaft sprinten wollen. Nur zu, denke ich und da sehe ich: Nein, es sind ja zwei ältere Herren. Um Himmels Willen, warum machen die das? Da sind sie schon vorbei. Ich höre noch ihren hechelnden Atem und schüttel verständnislos den Kopf, da walken (nein, ich sage nicht „watscheln“, ich sage auch nicht Stockenten) vier rüstige Rentnerinnen in die Gegenrichtung an mir vorbei. In Funktionskleidung. Vorherrschender Farbton: Kirchentagslila. Ich schaue auf meine grau-schwarze Hose und beginne gedanklich das wichtigtuerische Wörtchen „Funktionskleidung“ zu zerlegen. Denke an Funktionen. An Funktionieren. An Funktionäre. Und allmählich versandet der Gedanke – absichtslos, ziellos. Für einen Moment überlege ich, ob ich die Damen mit einer freundlichen Handbewegung zu einer kurzen Ruhepause einladen sollte, aber das hieße vermutlich auch, ich müsste reden. Da ist mir nicht nach. Also lasse ich sie weiterlaufen. Wohin bloß? Wohin bloß? Es gibt doch keinen schöneren Platz als den, wo ich gerade sitze und döse. Vielleicht lässt sich dieser Gedanke verallgemeinern. Dann wäre es eine Weltanschauung.
Schaue ich mich etwas um, sehe ich andere „Bankbesitzer“. Ich gerate ins Grübeln. Bin ich wirklich ein Müßiggänger? Natürlich nicht. Ich bin ein Müßigsitzer. Was für ein Geistesblitz! In diese Selbstzufriedenheit über meine denkerische und intellektuelle Glanzleistung flattert ein aufgeregter Spatz. Ich mag Spatzen. Im Allgemeinen. Wegen ihrer Unauffälligkeit. Was ich nicht mag, ist ihr aufgeregtes Hin- und Herhüpfen. Ich wende mich dem Vöglein zu und richte ein ermahnendes Wort an den jungen Zappelphilipp: „Bleib doch mal für einen Augenblick sitzen.“ Mein Appell bleibt erfolglos. Meine einzige Leidenschaft ist die Ruhe. Schon der Klang des Wortes beruhigt mich, versetzt mich in eine schläfrige Aufmerksamkeit. Ich habe es – diesbezüglich – schon weit gebracht. Ruhe genießen lautet mein Glaubensbekenntnis. Ich will es nicht predigen; es wäre zu anstrengend. Und letztlich liegt mir alles Missionarische fern. Urplötzlich wurde ich in meinen Betrachtungen und Ausschweifungen unterbrochen.
Eine freundliche männliche Stimme fragte: „Können Sie mir bitte sagen, wie spät es ist?“ Aus einer Laune heraus antworte ich: „Höchste Zeit.“ Meine Antwort schien ihn zu überraschen, er wendete sich ab und ging seines Wegs. Vermutlich hatte er mich nicht verstanden.
