Zehdenick und Deutschboden oder: Wann kehrt Moritz von Uslar zurück?

Wer denkt sich solche Namen aus? Stadtkewitz? Oder von Hundelshausen? René Stadtkewitz hat die Bürgermeisterwahl in Zehdenick mit 58,4 Prozent gewonnen. Stephan von Hundelshausen hat 28,6 Prozent erreicht. Wäre das nicht amtlich, würde die halbe Welt sicherlich sofort an Moritz von Uslar als Wortschöpfer denken. Aber Deutschboden hatte der rastlose Reporter auch nicht erfunden. Nun wäre der Erfolg der AfD mit diesem Kandidaten eigentlich Grund genug, den Stoff in einem dritten Werk weiterzuentwickeln.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Eine Stippvisite an einem Samstagabend im Wonnemonat Mai zeigt nichts Auffälliges im Zentrum von Zehdenick. Rund ums Rathaus keine Menschenseele. Auch von der Havelbrücke aus ist Punkt acht niemand zu sehen. An der Kirche werbende Worte für die Ökumene. Und Totenstille vor dem Tor zum jüdischen Friedhof. Blautöne fallen erst später beim Tanken auf. Kein Fernsehteam in Sicht! Kein Mensch, den man auf Auffälligkeit hin betrachten könnte. Denn wenn man die AfD und ihre Erfolge für gemeingefährlich hält – und dafür gibt es Gründe, dann steht solch ein Gemeinwesen unter Generalverdacht. Vermutlich sind deshalb die Menschen in Zehdenick lichtscheu geworden. Die kommenden Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern lassen angesichts der Umfragen und Prognosen nicht erwarten, dass das Interesse abnimmt, auch wenn Brandenburg von eigener Art ist, von Berlin, wo auch bald gewählt wird, gar nicht erst zu reden.

Blick von der Fußgängerbrücke auf die ziemlich gezähmt wirkende Havel.

Im Jahr 2010 erschien Moritz von Uslars Buch “Deutschboden”. 2020 kam “Nochmal Deutschboden” auf den Markt. Den Fontane-Preis der Stadt Neuruppin erhielt der gebürtige Kölner schon 2012. “Eine teilnehmende Beobachtung” lautete der Untertitel der ersten Annäherung. “Meine Rückkehr in die Brandenburgische Provinz” könnte missverstanden werden. Wieder war der Aufenthalt zeitlich von Anbeginn begrenzt – wo der Alterssitz genommen wird, wird sich zeigen.
Mit Simon Strauß hat ein Kollege und Konkurrent den Büchermarkt betreten. Sein Augenmerk gilt Prenzlau. “In der Nähe” lässt die Lesenden an der Entwicklung in dieser Stadt der Uckermark und in dem gleichnamigen Landkreis teilhaben. Und da hat Landrätin Karina Dörk (CDU) eben erst mit 58, 4 Prozent über Felix Teichner (AfD) mit 41,6 Prozent den Amtsssessel verteidigen können. Man sieht, wie sehr Kommunalwahlen ihre jeweils eigene Grundlage haben. Im Fall von Zehdenick haben viele Menschen, Organisationen, Medien und natürlich die Parteien am Drehbuch mitgeschrieben. Nicht mal ein poetisch angehauchter Realist wie Moritz von Uslar wäre 2020 auf solche Kapriolen gekommen.

Vor Jahren geschändet, heute ein würdevoller Anblick: der jüdische Friedhof.

Kurz ein paar Fakten: Im Jahr 2021 erklärte Zehdenicks parteiloser Rathauschef Bert Kronenberg nach nur drei Jahren seinen Amtsverzicht. Acht Jahre sind für gewöhnlich Amtszeit. Lucas Halle (SPD) wurde Anfang 2022 zum Nachfolger gewählt. Er war gerademal 24 Jahre jung und schon dadurch interessant für die Medienwelt. Nach zwei an sich unspektakulären Jahren trat er aus gesundheitlichen Gründen zurück. Alexander Kretzschmar (parteilos) folgte 2025. Bis ins Epochenjahr 2033 sollte er die Amtsgeschäfte führen. Daraus wurde nichts. Anhaltende Krankheit und prognostische Unsicherheit ließen die Stadtverordneten entnervt nach Volkes Stimme rufen. Bei einem Bürgerentscheid stimmten 97,2 Prozent für die Abwahl. Auf dem Stimmzettel für die fällige Neuwahl suchte man die Parteien CDU und SPD vergebens. Auch das gehört zur Erfolgsgeschichte des AfD-Politikers René Stadtkewitz. Bei der vorausgehenden Wahl hatte er nämlich in der fälligen Stichwahl verloren.
Woher kommt nur dieser Gedanke? Was, wenn Moritz von Uslar 2019 geblieben wäre, den Wohnsitz in Zehdenick genommen hätte und mit all seiner Energie, seiner Rhetorik zum Kommunalpolitiker geworden wäre? Sicher, die Bürde des Wessis, die wäre er nicht losgeworden. Aber sonst?! Trinkfest, locker und offen für DDR-Traditonen, sensibel für Benachteiligte und nicht geblendet durch Privilegierte, medienerfahren, autoaffin, musikverliebt und wagemutig und und und…

Im Gegenlicht: Die einladend wirkende Anlage des Zisterzienserklosters.
Fotos: VHS

Die AfD-Spitzen in Potsdam und Berlin triumphieren natürlich angesichts dieses Erfolges in Zehdenick. Doch was wird René Stadtkewitz als Bürgermeister bewirken? In der Stadtverordnetenversammlung hat die AfD seit den Wahlen 2024 nur vier von 22 Sitzen. Dass Brandmauern in Kommunen nicht unbedingt halten, weiß man schon aus vielen Teilen der Republik. Und rein menschlich gesehen und von Empathie getragen, müsste man dem Gemeinwesen doch Wohlergehen wünschen, ob durch oder trotz dieses AfD-Mannes an der Spitze.
Spargelfelderbilder nimmt man noch mit. Ist das noch Zehdenick? Man weiß einfach viel zu wenig von all den Städten und den Menschen. Ob Moritz von Uslar nochmal vorbeikommt und nach dem Rechten schaut? 2020 hatte er noch notiert: „Ich hatte eigentlich keine Fragen an die AfD-Leute.“ Wetten, dass das jetzt ganz anders wäre?

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