Willkommen im “Club der toten Dichter”.
Nicht allein die “Galgenlieder” haben ihn berühmt und berüchtigt gemacht. “Die drei Spatzen” mögen auch Kinder. Im gut besuchten Hangar 312 aber ging es ausdrücklich um Christian Morgensterns Poesie vom Galgenberg. Bei den Stimm-, Klang- und Wortkünstlern Reinhardt Repke, Markus Runzheimer und Hans-Werner Meyer, die als selbsternannter “Club der toten Dichter” herumtingeln, wäre eher an drei vorwitzige Raben zu denken, die im todsicheren Hangar totale Begeisterung hervorrufen.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
“Weniger reden”, hieß eine selbstironische Parole gegen Ende des Konzerts. Mit großer Geste hatte Hans-Werner Meyer kurz vorher in einer Tageszeitung geblättert. Was das einst war, solch ein “Blatt”, wurde den Gästen kurz erklärt. Griechisches und Lateinisches wurde übersetzt vom Betreuer. Zu groß die Gefahr, dass die mit Morgensterns Poesie einhergehende Kraft der Hell-, Klar- und Durchsichtigkeit um sich griffe und in der Menge durch Ansteckung statt Aneckung zu reiner Lautmalerei führte, zu Silbensalat oder Unflat. Wie soll es dann daheim weitergehen oder anderntags? Deshalb kein Heavy Metal, nichts Überstürztes am Schlagwerk, nicht blitzartig elektrisieren mit der Gitarre, sondern gutartig grundieren und fein rhythmisiert der Poesie dienen. Morgenstern hat sich das redlich verdient durch sein Leben am Abgrund der Sprache.
Christian Morgenstern kam 1871 in München auf die Welt. Das höllische Ende der reichlich deutschen Aufholjagd in der Wilhelminischen Patriotenzeit erlebte er schon nicht mehr. Er verstarb schwerkrank in Italien wenige Monate vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Der legendäre Versemacher war auch Performer. Nur freche oder vorwitzige Gedichte zwischen Buchdeckeln, das wäre zu wenig gewesen. Den Kopf hinhalten, das ist gefragt, besonders auf dem Galgenberg.

Verse voller Liebreiz gelten einer “Galgenmaid”, unmittelbar auf der Schädelstätte. Drei Galgenmotive prägen das Bühnenbild. Man hänge am seidenen Faden. Die Raben wissen, dass überall Gefahr lauert. In Wahrheit haben die edlen Herren natürlich gleich gespürt, dass ihnen hier im Hangar die Herzen entgegenschlagen. Heimspiel könnte man sagen, wenn nicht sofort wieder an Altenheime gedacht würde bei “Lalula” und feinsten Formen der Poesie im freien Fall der Kopflosigkeit. Nichts kann alles bedeuten. Linguisten wissen das. Morgenstern nutzte das. Und selbst ein gewisser Herr Tucholsky entdeckte Sinn am Boden von Nonsense. Man muss nur die Schablonen weglegen. Etwa die Regeln der Interpunktion. Wie hier Zeichen gesetzt werden mit Komma und Semikolon, das weckte helle Begeisterung. Oder der “Werwolf”, dieser Fall von bissiger Einfalt. Untugend triumphiert, die Künstler strahlen, lasterhaft wird gelebt auf den Straßen. Viel Zuneigung erfahren die Kreaturen, ob Eulerich, Saufrau oder Hecht. Die Nachfahren fallen aus der Art, wer auch immer sich tierisch geil paart.

Fotos: VHS
Ins Minenfeld der Gegenwart wagen sich die gefeierten Clubanimateure übrigens kaum. Nichts zum Thema Gendern, nichts in Sachen Kratodemie und Volkstherapie. Nur einmal wird’s fast hochpolitisch. Nein, nicht wegen Tschernobyl. “Westküsten” hätten sich formiert unter den Sternen. Es wird opponiert. Man manifestiert. Vergebens. Meyer lakonisch nach jenem Griff in die Zeitung und dem fälligen Song: “Hätte der Trump eigentlich wissen können.” Gelächter golfhalber vermutlich. Landnamen und Landnahmen – was für ein großes Thema zur Kolonialzeit. Und heut’, Blaupausenzeit? “Lass die Moleküle rasen!”, hieß es zum Auftakt. “Mehr handeln”, hörte man gegen Ende vernuschelt. Oder meinten die Raben “Meerhandel”, also ein Deal statt Schiffeversenken von wegen “mehr Enge” da irgendwo jwd?
