Moderatorin Sieglinde Geisel im Gespräch mit der Autorin und Kollegin.
Miku Sophie Kühmel ist Jahrgang 1992. Textbausteine sind für ihre Generation alltäglich geworden. Die ganze Welt ist längst ein Scrabble aus Buchstaben, Zahlen und Zeichen. Da wundert es nicht, dass sie großes Interesse für die Dadaistin Hannah Hoech entwickelt hat. Im Rahmen der Fontane Festspiele 2026 stellte sie ihren Roman “Hannah” vor. Sieglinde Geisel moderierte. Aus dem Roman “Graf Petöfi” von Theodor Fontane wurde nachmittags auf dem Schinkelplatz im Freien von Hans Machowiak gelesen.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
“Ein weiches CH, so wie ich, mich”, stellt sich die Protagonistin in “Hannah” höchstpersönlich in einem Gespräch mit Til vor. Til nicht wie Eulenspiegel. Til Brugman ist eine niederländische Autorin. Also nicht wie Erika Mann. Höch wird ein Name werden. Nicht durch eine Bilderbuchkarriere. In der NS-Zeit gilt ihre Kunst der Collage und Montage als “entartet”. Kühmel legt den Schwerpunkt auf die Zeit von 1926 bis 1936. Sie kann auf persönliche Briefe und andere Dokumente zurückgreifen, aber sie hat keine Biografie geschrieben. Im Gepsräch erläutert sie ihr Verständnis von künstlerischer Freiheit. Wie unterschiedlich sie vorzulesen weiß, ist besonders beeindruckend. Und wirkungsvoll.

Da ist dieser Brief an ihre jüngere Schwester Gretel. “Du liebes Gretelein bist vielleicht der einzige Mensch, der begriffen hat, wie gründlich das Kapitel MANN bei mir erledigt worden ist.” Da ist Hannah Höchs Kommentar zu ihrer ersten Einzelausstellung in Den Haag im Jahr 1929. Da sind Hannahs Beobachtungen bei einer von Männern dominierten Party: “Die meisten schleudern ihre Thesen mit Wucht hin und her.” Die Frage, ob man von einer Textcollage sprechen könne, bejaht die Autorin. Die führende Hand einer erzählenden Stimme ist nicht vorhanden. Von “Treibgut” ist die Rede. Tatsächlich soll Hannah Höch Angespültes bei Gelegenheit gesammelt haben. Kühmels Bewunderung ist zu spüren für die Künstlerin, die in der NS-Zeit auch in materielle Not geriet.

Am Ende des Romans “Graf Petöfi” von Theodor Fontane steht ein Suizid. Der alte Graf hat sein Leben beendet. Die Lesung von Hans Machowiak ließ das kaum erwarten. Und letztlich bleibt auch offen, was der Auslöser war und ob eine Leidensgeschichte vorausgeht. Wie nicht selten bei Fontane geht es um einen älteren Herrn und eine jüngere Frau. Die Handlung ist in Österreich-Ungarn angesiedelt. Graf Petöfi hat einen Neffen. Geschickt gewählte Textstellen lassen den Weg in die Ehe des Grafen mit der Schauspielerin Franziska Franz miterleben. Und der Neffe Graf Egon bekommt auch Profil. Niemand ging, neue Gäste kamen noch hinzu. Uta Bartsch vom Festivalteam konnte hochzufrieden sein. Und anders als vormittags waren auch Männer mit von der Partie. Im Unterschied zu Miku Sophie Kühmel kann Hans Machowiak als Vorleser ohne größere Variationskünste auskommen. Fontanes Grundton kann er. Genau eine Stunde lang. Wer den mag oder gar braucht als Lebenshauch mit den üblichen humorigen Wendungen, viel höherer Gesellschaft und genug schöner Landschaft, hatte seinen literarischen Pfingstsonntag. Etwas Lyrik kam auch ins Spiel. Und Landeskunde, Feudalordnung und katholischen Kirchenglanz inbegriffen.

Fotos: VHS
Alle, denen schon lange all das Patriarchalische auf die Nerven geht, können in der Fontane-Buchhandlung “Hannah” kennen lernen. Und kaufen, also den Roman. Die Veranstalter haben sich vor ein paar Jahren dafür entschieden, über Pfingsten immer Frauen als Autorinnen zum Festival einzuladen. Da bildet Fontane mit “Graf Petöfi” eine leichtes Gegengewicht. Interessant, was die Bühnenkünstlerin im Roman sagt, als sie von der edlen Schwester des verstorbenen Gatten gefragt wird, ob sie nun Graf Egon die Hand reichen werde. “Ich wünsche, dass er sie nicht fordert, aber wenn er sie fordert: nein.” “Es klingt etwas Herbes in deiner Antwort. Verdient er es?” “Nein. Aber wir sind allemal hart gegen die, die schuld sind an unserer Schuld. Und um so härter, je schuldiger wir uns selber fühlen.” Wie seine eigene Tochter zu Tode kommen würde, konnte Fontane natürlich nicht ahnen. Noch ein Romanstoff für Miku Sophie Kühmel?
