Güner Yasemin Balci nimmt viele interessierte Menschen mit ins “Heimatland”

In Neukölln kam sie 1975 auf die Welt. Die damalige Berlin-Zulage aus Bonn nennt die Autorin einen Glücksfall. Denn ihre aus der Türkei stammenden Eltern zogen vor allem deshalb weg aus Bayern. Paar Groschen mehr pro Stunde harte Gastarbeiterarbeit. Wenn Güner Yasemin Balci von ihrer Heimat spricht, meint sie Deutschland. Zum Abschluss des Fontane Literaturfestivals 2026 wurde das großartige Werk “Heimatland” näher vorgestellt. Knut Elstermann moderierte und machte aus seiner Lesefreude kein Geheimnis.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Dass die Autorin, die eben erst in Oldenburg mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis ausgezeichnet wurde, auch für ihre journalistische Erinnerungsarbeit, ihr jüngstes Buch so betitelt hat, könnte völkische Kräfte reizen. Der Untertitel lautet: “Zähne zeigen gegen die Feinde der Demokratie”. Die Alevitin weiß, wie schwierig es ist und wie wichtig, sich den aktuellen Konflikten um die Demokratie, um Migration und Integration, um Menschenwürde und mitmenschliche Hilfe, um Kindeswohl und Elternmacht, um Glauben und Grenzen der Toleranz zu stellen. Doch bevor sie ins Detail geht und mehr zu ihrer Aufgabe als Integrationsbeauftragte in Neukölln seit 2020 sagt, gibt sie anhand von Auszügen aus dem Werk einen Einblick in ihre Kindheit und ihre Jugend. Heute schaut sie mit Dankbarkeit zurück, ohne die Lage der Familie und den eigenen Weg zu beschönigen.
Freundschaften sind entscheidend. Und jugendliche Subkuktur. Die Nähe zur Mauer spielt dabei keine Rolle. Aber mit der Einheit kam eine ungeahnte Welle von Ressentiments und auch von Gewalt aus dem Osten auf die seinerzeit nach Westdeutschland und Westberlin gelockten Ausländer zu. Das Rückkehrhilfegesetz, nebenbei bemerkt, stammt allerdings schon aus dem Jahr 1984. Eine christlich-liberale Koalition hatte im Bundestag die Mehrheit. Anfang der 90er-Jahre weilte die Gymnasiastin in den USA. Ihr Buch ist über weite Strecken eine beeindruckende Emanzipationsgeschichte.

Güner Yasemin Balci und Knut Elstermann im Gespräch.

Als Gegenstück wird das Kapitel “Im Mädchengefängnis” gelesen. Was Mädchen wie Mina und Samira erleben und erleiden, ist beklemmend. Die Autorin positioniert sich klar gegen jeden religiösen Fundamentalismus. Und sie kritisiert leichtfertiges Gerede von Vielfalt. Was Äußerungen oder Positionen aus Parteien wie die Linke, die SPD und die Grünen anbelangt, nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Das Zusammenleben der Menschen sei entscheidend. Im Auditorium herrscht eine wunderbare Stille. So hört sich Nachdenklichkeit an. Die Aufgaben als Integrationsbeauftragte werden nur skizziert. Alles fängt mit der richtigen Bezeichnung an. “Ausländerbeauftragte” war gewiss die falsche. Wichtig sei, die Menschen gleich zu behandeln, ohne Vorbehalt, ohne positive Voreingenommenheit. Auf die kommende Wahl in Berlin schaut sie gespannt.
Eine Liebeserklärung sei “Heimatland” auch, so Elstermann im Gespräch. Sie nickt, sie strahlt. “Ja, an Deutschland!” Applaus. “Deutschland in Europa.” Dass Freiheitsrechte erkämpft wurden, insbesondere von Frauen für Mädchen und Frauen, wird dabei nicht vergessen. Und dass die extreme politische Rechte ein anderes Deutschland will, auch nicht. “Das Dilemma für die engagierten Mitarbeiterinnen von Mädchenprojekten ist die drohende Vereinnahmung durch rechte Gruppen”, heißt es im Buch. Die Autorin hat prägnante Stellen ausgesucht. Und Knut Elstermann weiß ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen.

“Heimatland – Zähne zeigen gegen die Feinde der Demokratie”
Fotos: VHS

Eine Motivation für diese Art Erinnerungsprojekt sei der Tod von Verwandten gewesen oder hohes Alter, hatte Güner Yasemin Balci zu Beginn gesagt. Das “Heimatland” will bewahrt sein und geschützt. Ob sie im Sommer mit ihren Kindern in die Türkei fliegen sollte, überlegt sie. Ein Artikel für die Süddeutsche zur aktuellen Entwicklung könnte verhängnisvoll sein. Irgendwie ist sie einem sehr nahe gekommen in diesen eineinhalb Stunden. Man bangt. Und hofft, die Entscheidung möge die richtige sein…

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