Ein Leben für die Natur auf der großen Leinwand: „Wie geht Natur?!“ gab im Neuruppiner Kino Einblicke in Michael Succows Wirken und regte zum Gespräch über unsere eigene Verbundenheit mit der Natur an.
Was wir der Natur zumuten, betrifft uns selbst. Diese Erkenntnis zog sich durch den Filmabend über Michael Succow und das anschließende Publikumsgespräch in Neuruppin. Im Rahmen der Tage der Nachhaltigkeit wurde deutlich, wie eng der Schutz unserer Lebensgrundlagen mit persönlicher Naturerfahrung, Bildung und gemeinsamem Handeln verbunden ist.
Von macron
Ein Schüler stellte die Frage, die wohl viele an diesem Abend beschäftigte: Was kann ich selbst verändern, um zum Schutz der Natur beizutragen? Nach der Vorführung von „Wie geht Natur?!“ führte sie mitten hinein in eine Diskussion über Verantwortung, Handlungsmöglichkeiten und die Erfahrung, angesichts großer Probleme dennoch etwas bewegen zu können. Klima und Alltag e. V. hatte den Film gemeinsam mit der Ökofilmtour nach Neuruppin geholt. Auf dem Podium saßen Frank Berhorn vom Naturschutzfonds Brandenburg, die Naturpädagogin Kristin Henning und Silke Oldorf vom Naturpark Stechlin-Ruppiner Land. Sabine Abraham von FÖN e. V. moderierte das Gespräch.
Der Dokumentarfilm von Jakob Friedrich zeichnet den Lebensweg des Biologen und Moorforschers Michael Succow nach: von seiner frühen Begeisterung für die Vogelwelt über seinen maßgeblichen Beitrag zum Nationalparkprogramm der DDR 1990 bis zu seinem internationalen Engagement. Er zeigt, wie aus genauer Naturbeobachtung wissenschaftliche Erkenntnis und aus Überzeugung politisches Handeln werden können. Zugleich begegnet das Publikum Menschen, die sich für Moore, Wälder und gesunde Böden einsetzen. Succows Lebensgeschichte erzählt damit auch davon, wie Ideen weitergetragen werden und andere zum Handeln ermutigen.
Der gut gefüllte Kinosaal zeigte das große Interesse an Michael Succow und seinem Engagement für die Natur. Wie sehr seine Geschichte berührte, wurde auch am spontanen Szenenapplaus deutlich. Sabine Abraham berichtete von den zahlreichen Vorführungen während der Festivaltour, zu denen immer wieder ehemalige Studierende Succows gekommen seien. Szenenapplaus wie in Neuruppin habe sie bei ihren bisherigen Sichtungen allerdings noch nicht erlebt.

Fotos: macron
Im Gespräch rückte eine Einsicht in den Mittelpunkt, die im Alltag leicht verloren geht: Der Mensch ist selbst Teil der Natur. Unsere Nahrung wächst auf Böden, deren Fruchtbarkeit erhalten bleiben muss. Unser Leben hängt von Wasser, Luft und dem Zusammenspiel zahlloser Organismen ab. Wer diese Zusammenhänge ernst nimmt, versteht den Schutz von Landschaften und Arten als Verantwortung für ein Lebensgefüge, dem auch wir angehören. Gesunde Böden, eine vielfältige Natur und menschliche Gesundheit wurden auf dem Podium deshalb ausdrücklich miteinander verbunden.
Diese Zugehörigkeit lässt sich erfahren. Kristin Henning schilderte, wie sie sich nach vielen Jahren des Biologieunterrichts im Klassenraum inzwischen auf Waldtage und andere Angebote draußen konzentriere. Was Kinder und Jugendliche selbst entdecken, beobachten und erleben, bleibe häufig lebendiger und tiefer verankert als reine Theorie. Naturwissenschaftlicher Unterricht bekomme dort eine besondere Qualität, wo die Natur unmittelbar zugänglich sei.
Auch die anderen Beiträge machten deutlich, welche Kraft aus dieser Verbindung entstehen kann. Wer sich draußen Zeit nehme und die Umgebung aufmerksam wahrnehme, finde darin Motivation, trotz Widerständen weiterzuarbeiten. Silke Oldorf erzählte von ihrer engen Bindung an die Landschaft rund um den Stechlin und das Ruppiner Land und von den Bemühungen um deren Schutz. An Succows Haltung beeindrucke sie besonders, dass er auch in scheinbar ausweglosen Situationen nach Möglichkeiten gesucht habe.
Dabei blieb die Diskussion nicht bei der Ermutigung stehen. Auf dem Podium wurde deutlich ausgesprochen, dass Schutzgebiete und bestehende Regelungen den Artenrückgang bislang nicht aufgehalten hätten. Eine zu intensive Nutzung und die fortgesetzte Beeinträchtigung von Lebensräumen stellten den Naturschutz vor große Schwierigkeiten. Die Verbindung zur Natur müsse sich deshalb auch darin zeigen, wie wir Flächen bewirtschaften, wirtschaftliche Entscheidungen treffen und politische Prioritäten setzen.
Aus dem Publikum kam der Hinweis, dass Naturschutz den Menschen diene und stärker als gemeinsame Aufgabe verstanden werden müsse. Gerade im Verhältnis zur Landwirtschaft wurde dieser Gedanke konkret. Silke Oldorf berichtete von Vertragsnaturschutz und der Zusammenarbeit mit Landwirten, Fischern und Waldbesitzenden. Im Gespräch miteinander ließen sich Wege finden, die Bewirtschaftung und den Erhalt von Lebensräumen zusammenzubringen.
Zugleich wurden die Grenzen individuellen guten Willens angesprochen. Landwirtschaftliche Betriebe stünden unter wirtschaftlichem Druck. Deshalb brauche es verlässliche politische Bedingungen und eine Förderung, die Leistungen für Artenvielfalt und Bodenschutz honoriere. In der Diskussion wurde davor gewarnt, bereits erreichte Umweltstandards wieder zurückzunehmen. Verantwortung bedeute damit auch, politische Entscheidungen zu beeinflussen.
Was also kann der Schüler tun, der nach seinem eigenen Beitrag gefragt hatte? Die Antworten waren alltagsnah: eigene Interessen entdecken, sich einem Verein oder einer Initiative anschließen, bei der Naturwacht mitmachen und gemeinsam mit anderen Erfahrungen sammeln. Niemand müsse die gesamte Aufgabe allein lösen. Wer etwas finde, das Freude mache und zugleich der Natur zugutekomme, habe einen guten Ausgangspunkt.
Oldorf veranschaulichte das mit Angeboten zum Naturschutztauchen und Schnorcheln. Kinder und Jugendliche lernen dabei die Unterwasserwelt kennen und beschäftigen sich mit dem Zustand eines Sees. Ein Teilnehmer aus dem Publikum berichtete von Hochbeeten, Gemüseanbau und Wildblumenwiesen in seiner Kita. Beim Pflanzen, Ernten und gemeinsamen Verarbeiten werde für Kinder unmittelbar erfahrbar, wie ihr eigenes Leben mit der Natur verbunden ist.
An dieser Stelle stellte Wolfgang Freese von Klima und Alltag e. V. die Verbindung zur Arbeit des Vereins her. Die Frage, wie aus einzelnen Bemühungen gemeinsames Handeln werden könne, sei ein wesentlicher Anlass für dessen Gründung gewesen. Im Rahmen der Tage der Nachhaltigkeit habe man nun Nachhaltigkeitsverantwortliche aus Unternehmen und Einrichtungen zusammengebracht, darunter die Medizinische Hochschule Brandenburg. Der Austausch solle fortgesetzt werden. Eine entsprechende Gesprächsrunde im Film habe den Verein darin bestärkt, Menschen mit ähnlichen Anliegen miteinander bekannt zu machen.
Zum Ende wurde es noch einmal anschaulich: Glühwürmchen im Garten, nächtliche Beleuchtung beim Nachbarn, kurz gehaltene Rasenflächen und die Frage, wie viel Raum wir anderen Lebewesen vor unserer eigenen Haustür zugestehen. Eine Wiese wachsen zu lassen oder über unnötiges Licht zu sprechen, sind überschaubare Schritte. In ihnen zeigt sich, ob wir unsere Umgebung auch als Lebensraum anderer wahrnehmen.
Kristin Henning ermutigte dazu, die eigene Naturverbundenheit zu pflegen und die Wut über Zerstörung in konstruktive Energie zu verwandeln. Der Abend gab dafür viele Anknüpfungspunkte. Wer sich als Teil der Natur begreift, begegnet ihr mit Aufmerksamkeit – im Wald und am See ebenso wie im Garten, beim Einkauf oder bei politischen Entscheidungen. Michael Succows Beharrlichkeit machte Mut, aus dieser Aufmerksamkeit Verantwortung entstehen zu lassen.
