Winterstimmung an der alten Schleuse in Altfriesack mit Klappbrückenkette. Foto: VHS
Eigentlich ist Michael Sohn Grafikdesigner und Produktgestalter. Doch er hat auch Interesse an den Handelswegen und Tansportmitteln der Menschen, insbesondere auf dem Wasser. Als Ergebnis langer intensiver Beschäftigung ist jetzt das Werk “Kähne auf dem Rhin” im Buchhandel erhältlich.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Wasserstraße – welch schöne Wortschöpfung. Eigentlich wäre wohl an Kanäle zu denken, etwa an den 1791 fertiggestellten Ruppiner Kanal. Aber als Kriterium gilt gemeinhin die Befahrbarkeit, die Schiffbarkeit, die Transporttauglichkeit der Wasserwege. Für Michael Sohn ist die Eiszeitlandschaft das Ausgangsbild. Eine Karte zeigt die eiszeitliche Topografie der Mark Brandenburg, darin die Städte der Zukunft, von Brandenburg über Berlin bis Frankfurt. Neuruppin liegt am oberen Rand. Von den Urstromtälern bis zur Stromerzeugung durch natürlichen Wasserfluss führt ein langer Weg. Klugheit war gefragt. Nicht anders beim Kähnebauen, um die Ernte, um Güter und Waren auf dem Wasser zu transportieren, um die Antriebsart weiter zu modernisieren. Eben ein gutes Stück Zivilisationsgeschichte. Wie sie mit Herrschaft und geltendem Recht verbunden war, wird ebenfalls untersucht beim Blick auf die Entwicklung vom Mittelalter bis in die mittleren Jahre der Deutschen Demokratischen Republik. Da ebbte die Geschäftigkeit auf den hiesigen Wasserstraßen ab.

abfotografiert aus dem Werk “Kähne auf dem Rhin”
Rhin und Dosse werden von Sohn in ihrer Verflechtung im Netz der Wasserwege mit Havel und Spree betrachtet, also letztlich auch mit der Elbe und der Nordsee. Am Beispiel von Wusterhausen wird Stadtgeschichte einbezogen, fundiert durch Dokumente und illustriert durch Karten- und Bildmaterial. Mancher Schrift- und Zahlenteil gerät in dem umfassenden Werk etwas klein für das einfache menschliche Auge, aber insgesamt ist es gut möglich, Michael Sohn zu folgen, zumal er sich neben den Wasserbauern auch für die Schiffsbauer und die Schiffer interessiert, also auch für Anlegestellen, Häfen, Lagerplätze, Siedlungen, Familiengründungen und Berufsfelder, stets vor dem Hintergrund von veränderbarem Recht und einer äußerst komplexen Interessenlage. Fische und Fischer finden auch ein bisschen Beachtung. Das Wort von der Flussregulierung hat mehrere Bedeutungen.
Ein wesentlicher Schwerpunkt ist die Torfwirtschaft rund um das Linumer Luch. Holz- und Forstwirtschaft wird ebenfalls einbezogen. Und um Tuch und Tücher geht es später auch. Wer beim Bollwerk von Neuruppin an die Klosterkirche denkt oder an die heutigen wohligen Freizeitattraktionen für gestresste Menschen aus Nah und Fern, darf sich die Augen reiben. Man meint im Falle von Neuruppin auf eine in Entwicklung begriffene Industriestadt zu schauen. Mit der Eisenbahntechnik und den Schienenwegen kündigen sich neue Möglichkeiten an. Auf dem Seedamm kreuzen sich die Strecken, zunächst frei von Verbrennern auf vier Rädern.
Das Buch lässt sich gut lesen als Regional- und Sozialgeschichte, getragen vom Respekt vor den Neuerern. Ausflugslustigkeit am Rhin und an den Seen entlang kommt erst recht spät ins Bild, eben dem Gang der Geschichte folgend, in die der Verfasser gerne eintaucht.

abfotografiert aus dem Werk “Kähne auf dem Rhin”.
Der Autor schreibt, als wäre er ein Sohn der Region. Er ist aber ein Ost-Berliner, 1957 daselbst zur Welt gekommen, in der DDR zuerst zum Maschinenschlosser mit Hochschulreife ausgebildet und an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee mit industrieller Formgestaltung befasst. Von Produktdesign sprach man lieber (noch) nicht. Schöne Züge auf Schienenwegen, das wurde ein großes Thema ab 1990. Es gibt sie. Inzwischen ist der Autor im Ruhestand, aber alles andere als untätig. Das kompakte Werk zeigt es. Wo fremde Quellen benutzt werden, fließt das stets in die Darstellung ein.
Das Werk “Die Deutschen und die Natur” von Birgit Aschmann öffnet einen noch weiteren Horizont. Da gilt ein Teil der Aufmerksamkeit der Bändigung des Rheins. Aus dem Wildstrom sei durch aktiven Eingriff ein Kulturstrom geworden. Die Zeit der “Ausschweifungen” sei im Verlauf des 19. Jahrhunderts beendet worden. Am Rhin wurde mit etwas kleinerem Spaten gegraben. Wer das Buch von Michael Sohn mit Interesse studiert, kann womöglich an sich selbst beobachten, dass sich die Wahrnehmung ändert unterwegs in der wunderbaren Region, ob in Lindow in Klosternähe oder in Linum am Luch, ob in Altfriesack oder in Neuruppin, von Alt Ruppin ganz zu schweigen oder von Molchow. Zum Glück gibt es an markanten Stellen Infotafeln.
Eine Präsentation des 325 Seiten umfassenden Werks im Museum Neuruppin solle bei Gelegenheit folgen, heißt es. Als Lesereise wäre ein Ausflug mit MS Theodor Fontane natürlich auch nicht die schlechteste Idee…

Danke. Eine interessante Beschreibung eines Buches, welches ich sonst wohl nicht bemerkt hätte. Ich freue mich auf die museale Buchvorstellung und flüssige Lesereise!