“Ende gut, alles gut”, diese Redewendung dürfte nicht nur in der Filmwelt, bei überfälligen Trennungen und im Märchen ihre Wirkung haben. Max Czollek hat seinen jüngsten Gedichtband “gute enden” genannt. Ironie ist seine Stärke, Satzbrüche sein Markenzeichen. Als engagierte Literatur will er seine im Gegenwärtigen beheimateten Werke verstanden wissen. “Pop und Poesie 2025” nahm mit seiner Lesung qualitativ ein gutes Ende.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Wäre das Festival eintrittsfinanziert, wäre es sicherlich auch bald am Ende. Trotz des hohen Niveaus? Wegen des hohen Niveaus? Max Czolleks Poesie reiht sich da oben ein, auch “gute enden”. Der Lyriker, Essayist und Dramaturg ist Jahrgang 1987. Hat Politik studiert. Wurde promoviert. Wurde bepreist. Ist gefragt. Ist im Bereich der Erinnerungskultur engagiert. Und deshalb derzeit ziemlich frustriert. Die AfD marschiert sozuzusagen einfach vorbei an Gedenkstätten, Demokratieprojekten und Babylons Büchertürmen. Im Netz dominiert sie. Und wohin marschiert sie? Oder die Stürmer des Reichstags?
In Kleinschrift schreibt er, Nomen betont er, Normen beargwöhnt er: “eigentlich hätten wir ja den Reichstag stürmen müssen”, hören die Gäste zur Eröffnung. Seit 1789 weht dieser Wortwind. Damals auf die Bastille. Neulich in Berlin. Links, rechts, zwo, drei! Ein Aufmarsch von reichswegen. Rechtswidrig. Eine andere Parole in dem Aufmacher heißt anspielungsgewaltig “in Potsdam treffen”. Die Sache mit Söllner, dem Österreicher, dem Ostmärker. Als Nachfahre jüdischer Emigranten erinnert Czollek allein schon mit dem Stichwort “Wannsee” an die mit Deutscher Gründlichkeit geplante Massenvernichtung der Jüdinnen und Juden ab Januar 1942 in Konzentrationslagern wie Auschwitz-Birkenau. Kein Wunder, dass “Ultracellos” Verwehungen später wie Klageklänge wirken.
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Fotos: VHS
Otto Wynen erinnert an die “engagierte Literatur” früherer Jahre. Also an die sogenannte “BRD”. Czollek sieht sich in dieser Tradition, also nicht blind für Unrecht und Ungleichheit, aber auch nicht in bloßer Fortschreibung alter linker Positionen oder mittelalter grüner Parolen. Selbstironie hilft ihm, selbst irgendwie klarzukommen, ob unterwegs in den USA oder in Osteuropa, ob bei Lesungen vor jungen Leuten oder als Organisator von Projekten, die eine 50+1 Prozentpartei AfD im Falle öffentlicher Förderung sicherlich sofort abräumen würde. Dass sich Czollek als Stadtschreiber der “Verteidigung des Tucholsky-Museums” gewidmet hat, verbindet ihn nicht nur mit Peter Böthig, dem Gründer und Gestalter.
Erstmal ab in die USA. Nach LA. Oder North Carolina. Der Vers “heute hat das hotel eine cherokee suite” gibt keinen Trost im Hinblick auf die Verbrechen an Ureinwohnern. Dann Osteuropa. Prag. Die “bunte federboa um den hals von jesus” in Prag wirkt bildstark, lässt aufhorchen. Nicht anders die Erinnerung im “prager sonett” an Wüstenwanderungen der Israeliten durch ein Wort wie “kadesch”. Das gipfelt in “holy, holy, holy”.
An derselben Stelle war tags zuvor ganz anders über Israel gedichtet und gelesen und geschwiegen worden. Darüber kann man eigentlich schlecht Petersilie wachsen lassen. Mit den Worten “du bist traurig, nicht besiegt” aus “seit dem letzten lektorat” lässt der geplagte und gefeierte Lyriker die Lesung ausklingen. Applaus. Dankesworte. Sympathiebekundungen. Der Unsinn über Peter Huchel (“aus der BRD der Nachkriegszeit”) ist schon fast vergessen.
“Ultracello” konnte an diesem Novembertag Sirenen aufheulen lassen, erstmal probehalber, also für den Fall der Fälle. Matthias Marggraffs Spiel hat tatsächlich etwas Aufwallendes, Aufweckendes, mit Macht Daherwehendes. Wahnsinn! So endet “Pop und Petersilie 2025” mit einer “Ode an Dioden”, eben Zukunftsmusik aus Sorge, Sprachverzicht und Freude…

