Gut gelaunt, aber nicht ohne schweres Gepäck: MP a. D. Matthias Platzeck.
Rund um die Kirche in Garz überall Menschen im Gespräch. Es ist kurz vor 18 Uhr. Die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann hat schon gepredigt im Gotteshaus. Nun wird gleich Matthias Platzeck sprechen. Gutsherr Andre Schmitz hatte eingeladen – zuerst in die Kirche, dann in den Park von Haus Garz. Seit 25 Jahren schon darf er das Anwesen sein Eigentum nennen. Deshalb die Party. Mit dem Ministerpräsidenten a. D. von Brandenburg verbindet ihn nicht nur die lange Mitgliedschaft in der SPD. Das heutige Thema: “Im Osten alles anders?”
Von Volkmar Heuer-Strathmann
“Unser Kulturzentrum soll eine Stätte des politischen und kulturellen Lebens werden”, hatte der Garzer Bürgermeister gesagt. Nein, nicht an diesem Tag. Das war 1958. Die SED hatte das Sagen. Im Eingangsbereich der Kirche liegt eine Broschüre aus, die Einblick gibt in die wechselvolle Geschichte des Dorfes und des Herrenhauses nah an der Temnitz. “Im Zuge der Bodenreform nach 1945 gelangte das Herrenhaus an die Gemeinde Garz”, heißt es dort. Fotos dokumentieren den äußeren Zustand im Jahr 1988. Es ist viel geschehen seit 1990, das sieht man im Freien in Garz noch viel besser als im Druckwerk. Die zahlreichen großen Autos entlang der Wege erzählen auch eine Geschichte. Und NP und OPR mal in der Minderzahl.

Matthias Platzeck, Jahrgang 1953, gehörte zu denen, die schon etwas vor 1989 Sand ins Getriebe des SED-Staates brachten. Ihm wäre es lieber, so war zu hören, wenn man im vereinten Deutschland nicht den 3. Oktober 1990 zum Ausgangspunkt des Gedenkens gemacht hätte. Mit dem 9. Oktober 1989, speziell mit einer Massendemonstration in Leipzig, ginge ein ganz anderer Blick auf die Entwicklung in der DDR einher und damit auf den Weg in die Freiheit und zur Einheit der gewählten Art. Und der Gedenktag könnte nicht wenige Ostdeutsche mächtig stolz machen. Am Ende des Vortrages ist Platzecks Parole für die Menschen in den sogenannten neuen Bundesländern, die damals dabei waren: “Stolz statt Trotz!” Damit zielt er auf Erklärungen für den Erfolg der AfD im Osten aus Gefühlen der Frustration und der Nichtwertschätzung durch andere Parteien. Außerdem gebe es aktuell im Osten mehr Grund zur Sorge, etwa in Sachen Alterssicherung. Kritisch skizziert der Sozialdemokrat die Regierungspolitik der letzten Jahre unter SPD-Beteiligung, die einen nicht geringen Vertrauensverlust bewirkt habe. Es sei bedrückend, wenn man das in den laufenden Wahlkämpfen in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern persönlich gesagt bekomme.

In Garz ist nicht Wahlkampf. Es kann offen geredet werden am Mikrofon. Eindringlich und glaubwürdig erinnert Platzeck an die Jahre nach der Wende, an die Ängste und Unsicherheiten, an die Zäsuren und Blessuren, aber auch an die Freuden und Hoffnungen, die 1990 mit der neuen Bewegungsfreiheit verbunden waren. Dann die Währungsunion, dann der sogenannte Beitritt. Zäsur ist nur ein Wörterbuchwort für die kurz geschilderten Brüche, Umbrüche und Zusammenbrüche. Und heute sieht Platzeck wieder Gründe für Befürchtungen, für Sorgen und Gedankenschwere, allerdings auf gefestigter politischer Grundlage. Die Menschen haben die Wahl. Regelmäßig. Das Wort Trigger kann nicht ausbleiben. Ob sich aber just hier unter den Versammelten irgendwer wegen der Alterssicherung Sorgen macht? Platzeck stellt die Frage nicht direkt. Und er guckt auch niemanden persönlich an, wenn es um die bislang so geringe Vererbungsquote im Osten geht, in Steuern bemessen. Er ist schließlich nicht beim DGB zu Gast und auch nicht bei Sozialverbänden oder bei einem Wochenendworkshop mit Schwerpunkt Integrationsarbeit. Was hier schon geleistet worden sei durch Engagement, wird übrigens ausdrücklich gewürdigt. Und Platzeck appelliert, sich noch mehr des Gemeinwesens anzunehmen. Große Hoffnungen verbindet er mit dem Zukunftszentrum in Halle an der Saale unter den Leitworten “Deutsche Einheit und Europäische Transformation”. Wer das Gespräch der OAZ mit AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund an diesem Tag in jenem Blatt gelesen hat, sieht den Unterschied. Provinzialität lädt sich patriotisch auf und lächelt lieb. Platzeck indessen geht auf die Konkurrenz kaum ein. Auf die 5-Prozentmauer auch nicht. Vorglühen vertrüge vermutlich kein Sorgenpaket, schon gar kein speziell sozialdemokratisches.

Fotos: VHS
Also: “Im Osten alles anders?” Manches. Wichtiges. Erhaltenswertes. Wie überall gibt es am Ende Blumen für den prominenten Redner. Man kann ihm doch jetzt hier nicht wie Leseförderung für Senioren mit einem Buchgeschenk kommen, in dem seine Erinnerungen, Gedanken und Impulse plausibel weiterentwickelt werden.
Der Linguist Kersten Sven Roth hat es geschrieben. Ein Westdeutscher, der in Magdeburg lehrt und dazulernt. Er geht in “Ostdeutsch? Westdeutsch?” druckfrisch näher darauf ein, was denn überhaupt den Diskurs im Westen seit 1949 prägte mit Konsumismus und Antikommunismus und “1968” libertär und krassen Tabubrüchen, bis plötzlich 1989 so viel Unruhe aufkam von Osten her und ab 1990 mit dem geldwerten Beitritt so viele ungeahnte schwierige Fragen. Und Menschen, insbesondere jüngere. Wo sind sie geblieben? Erfolgsgeschichten? Trotz der MundArt?
Derzeit, das ist auch Matthias Platzecks Eindruck, kommen extrem einfache Antworten extrem gut an, eben populistische, im Internet popularisiert. Dem eigenen Anspruch auf Sachlichkeit und Respekt verpflichtet, vermied der Sozialdemokrat es, die AfD im Gotteshaus schlimmer zu brandmarken. Was hülfe es hier? Ein dankbarer warmherziger Applaus galt dem Redner. Die eigentliche Party bei Andre Schmitz & Partner konnte anfangen im Freien.







