Mit Literaturpreisträger Matthias Nawrat in krassen Kriegsbilderwelten

Im Jahr 2023 erhielt Matthias Nawrat den Fontane-Literaturpreis. 2026 wird er mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnet. Grund genug, noch einmal nachzulesen, was er seinerzeit am Tag nach der Preisverleihung im Alten Gymnasium in der Fontanestadt vortrug.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Gebete für meine Vorfahren” ist die prämierte Gedichtsammlung betitelt. Nawrat selbst stammt aus Opole, einer Stadt im Süden Polens. Dort kam Maciej 1979 zur Welt. Zehn Jahre später findet er sich in Bamberg wieder. Wie sehr jene Mutter, mit der sich Matthias in dem Roman “Reise nach Maine” auf den Weg nach New York und darüber hinaus macht, seiner leiblichen Mutter gleicht, bleibt in der Schwebe. Vieles spricht dafür. Man schreibt das Jahr 2018, es ist Trumpzeit, erster Durchgang. Von weltpolitischen Entwicklungen ist kaum die Rede. Das Werk lässt sich einfach gut lesen, zumindest mit Sohnes- und Vateraugen. Aber was sind die kleinen Nervereien unterwegs in der US-Touristenwelt schon im Vergleich mit existenziellen Stoffen, wie sie der Gedichtband enthält?!
Die politischen Bezüge sind ganz unterschiedlich. Am Ende ist ein Text notiert, der aufrüttelt durch die Erinnerungen, die er weckt, auch wenn es nur Fernseherinnerungen sind oder kaum zu verdrängende Videoimpressionen im Internet. “Neulich in Kabul, nach einem verlorenen Krieg” sind die Verse betitelt. Man kann mal kurz googeln, was sich da ereignete im August 2021. Oder einfach loslesen.
“Kuttelsuppe, und dann auf die Startbahn!
So waren meine Vorfahren
und meine Nachfahren
schon immer.
Rannten und rennen dem Rumpf hinterher,
dem Bauch, der sich nicht hebt,
der an der Erde klebt,
denn es braucht nur das Gewicht
einer einzigen Person,
schon rettet sich keiner mehr, bleiben alle am Boden.”

Matthias Nawrat Literaturpreis
Evakuierungsübung der Bundeswehr im Jahr 2020
Foto: Bundeszentrale für politische Bildung

Einfache Physik. Die Schlagzeilen jener Tage waren drastisch. “Menschen stürzen von Flugzeugen in die Tiefe”, titelte Euronews. Verzweifelte Versuche, dem Terrorsystem der Taliban zu entkommen, wurden geschildert. Das Wort vom “verlorenen Krieg” verlangte eigentlich nach Analyse. Und Hinweisen auf die gegenwärtige Situation. Dilemmata ohne Ende…
Nehmen wir noch ein Schlaglicht: Das “Gesicht eines Botschaftsangestellten” wird anscheinend erkannt. Lakonisch heißt es “in einem Fenster”. Doch Vorfahren und Nachfahren rannten und rennen, folgt man dem lyrischen Ich. Hoffnungsschimmer. Der Rumpf als rettender Körper. Der Ausklang ohne weitere Aussage. Absturz?
Die beklemmende Atmosphäre bei der Lesung dieses Gedichts im Alten Gymnasium vergisst man so leicht nicht. Jene Ereignisse auf dem Flughafen von Kabul liegen im Sommer fünf Jahre zurück. Wenn in diesen Tagen in der Fontanestadt daran erinnert wird, dass man bei der Preisvergabe an Matthias Nawrat ein gutes Gespür gehabt zu haben scheint, ist es sicher auch von Interesse, was den Lyriker seinerzeit dazu bewegte, diese Perspektive einzunehmen. 2023 war das kein Thema im Jubel und Trubel der Ehrung. Womöglich kommt der gefeierte Autor im Rahmen der Berliner Prämierung nochmal darauf zurück. Auch weil das Fluchtmotiv in Berlin besonders intensiv eingefärbt ist.
Und was Theodor Fontane angeht, sei ohne jede Analogiebildung an seine Ballade “Das Trauerspiel von Afghanistan” erinnert. Wieder einmal werden geschichtliche Ereignisse aufgegriffen, hier die verheerende Niederlage der britischen Eindringlinge, die Fontane selbst sicherlich anders betitelt hätte Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein Reiter berichtet in Dschallalabad – von der eigenen Mission erfüllt, von der vernichtenden Niederlage bei Kabul geschockt. Der Ausklang: “Mit dreizehntausend der Zug begann, Einer kam heim aus Afghanistan.”

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