Matthias Brandt am Pult.
Eine volle Kirche, aber nicht etwa anlässlich eines Gottesdienstes. Eine großartige Performance von Matthias Brandt und Jens Thomas, allerdings nicht unter Bezug auf die vorab herausgestellte “Stärkung der Zivilgesellschaft”. Angekündigt war “Blackbird – eine Wort-Musik-Collage”. Und die fand sehr große Resonanz. Man stand Schlange. Und am Ende gab es Stürme der Begeisterung. Wie viele Menschen wären wohl gekommen und welche, wenn “”Nein sagen” auf dem Programm des Lesefests gestanden hätte?
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Von “wichtigen Beiträgen zur Stärkung der Zivilgesellschaft” sprach Kirsten Ellerbrake vom Lindower Lesefestteam vorab. Aus Verpflichtung für die Kinder von heute. Die jüngsten Entwicklungen verlangten das. Aber dann der Bestseller “Blackbird”? In der Tat ein großartiges Werk über Liebe und Tod, über eine Jungenfreundschaft, die ersten Liebeswirren und allerlei Verlockendes, auch Suchtstoffe, ganz aus der Welt der Bonner Republik erwachsen als Ausbruch. Zur NS-Zeit gibt es einen kleinen Hinweis gleich zu Beginn. Der Telefonhörer als “Fernsprechhantel”? Sprach- und Sprechpolitik? Eine Lachnummer. Der Erzähler: “Die hatten Probleme.”
Brandt präsentierte sich in der Kirche, als sei er ein Jugendlicher. Aber ganz ohne affige Effekte. Er vermag es so zu lesen, dass die erzählende Stimme in die Gegenwart der Handlung hineinlockt. Es ist todtraurig, was da passiert. Bogi, der ein Jahr jüngere Freund, stirbt schon im Alter der Träume. Gleichwohl kann ab und zu gelacht werden im Gotteshaus. Man denke nur an die Beschaffung von Dornfelder und an den Spitznamen. Udo, ein Mitschüler, weiß, dass ein gewisser Manfred Bogart die Hauptrolle in “Kassaplanca” gespielt hat. So blöd muss man sein. Und das bei einem amerikanischen Kultfilm in der voll auf Touren gekommenen Kulturlandschaft der sogenannten BRD.
In den geschickt ausgewählten Passagen ist vom Ableben von Manfred Schnellstieg auf einer Intensivstation die Rede. Und später von der Trauerfeier und von der Ansprache der Eltern. Allerlei Jugendliche lernt man kennen zwischen Kontaktaufnahme und Abschiednehmen, darunter Steffi und Jaqueline, die eine werdende Schornsteinfegerin, die andere bloß Gymnasiastin.

Jens Thomas macht den Liedermacher. Das ist wörtlich zu nehmen, denn er lässt aus dem Altarraum eine Klangwerkstatt werden, die mehr hervorbringt als das Liedgut der 70erjahre. Lesepassagen werden manchmal untermalt am Flügel. Doch Thomas kann mehr und traut sich viel, etwa Schluchzen, Beben, Wimmern und Frohlocken, aber auch Verstummen, Erstarren. Jugendliche Verliebtheit geht mit Verwirrtheit einher. Aber nicht deshalb werden Erfahrungen in der Jugendpsychiatrie eingeflochten. Das ganze Irrenhauswesen stand ja in der westlichen Welt in der Kritik in jenen Jahren, zugespitzt im Schlagwort der Anti-Psychiatrie und vorgelebt in Ländern wie Italien mit vollem Irrtumsrisiko.
Ob Matthias Brandt selbst wirklich so nah dran war oder mittendrin, Jahrgang 1961 und auf außergewöhnliche Weise mit der politischen Geschichte von West-Berlin und Bonn verbunden als Kind von Ruth und Willy Brandt? Oder alles nur Gedankenspiele? Adolesenz betörend und verstörend wie in Wedekinds “Frühlings Erwachen”? Und zum Glück ohne die Maulsperre der Political Correctness?

Fotos: VHS
“Wie hörte sich das denn an, Non-Hodgkin-Lymphon?”, fragt Morten, genannt Motte. Und weiter: “Doch so, also ob es keine Krankheit sei, oder?” Immer wieder dürfen sich die aufmerksam Lauschenden direkt angesprochen fühlen, oder? Toller Erzähltrick, klar! Nicht dieser lebensferne Raum auktorialer Gedankenführung, wie ihn Dichter wie Theodor Fontane so reclamheftig oder Erwin Strittmatter so aufbauwirksam entfalten konnten. Mottes Herz schlägt plötzlich für ein Mädchen. Und irgendwann geht es auch ums Kiffen. Aber die Krankheit! Aber der Tod! Aber die Hilflosigkeit aller Betroffenen!
“Blackbird”, der Song der Beatles, ist titelgebend und motivbildend. “A Horse with no name” von der Band mit dem bescheidenen Namen America kommt später ins Spiel. Immer spielt und singt Jens Thomas mit Feingefühl. Sakral anmutenden Gesang kann er auch. Ein Chor hat sich eingefunden zur traurigen Stunde. Es ist tief berührend.
Die beiden Künstler haben aus “Raumpatrouille” und aus “Blackbird” Klangcollagen geformt. “Nein sagen” ist völlig anders gestaltet. Es geht um den 20. Juli 1944, um Brandts Eltern und ihr Leben zur NS-Zeit, um die von der AfD ins Visier genommen Gedenkkultur und die “persönliche Verantwortung heute”. Dass Nichtstun eine Entscheidung für das Wegschauen für das Geschehenlassen sei, hält der Autor ganz am Ende fest. Mutter Ruth wird zitiert: “Man muss nicht laut sein, um standhaft zu sein. Es reicht, wenn man weiß, wer man ist und auf welcher Seite man steht.” Darüber ließe sich trefflich streiten. Für eine Wort-Musik-Collage gäbe es wahnsinnig gute Kompositionen. Ob die zu Recht gefeierten Stars des Abends schon am Werk sind? Nicht nur politische Prominenz wie Landrat Ralf Reinhardt (SPD) würde bestimmt wiederkommen. Aber die wahnsinnig große Masse der AfDaffinen aus der Region? Beim ersten Urnengang zur Landratswahl 2026 hatte der AfD-Arndt 12 Prozent mehr als der am Ende im Kreis siegreiche Sozialdemokrat. Nur mal so nebenbei. Der Affront im Roman gegen einen Sportlehrer ist im Stoff schlüssig, aber sonst? “Nein sagen” enthält wahrlich mehr als solch einen Ausbruch vor rund 50 Jahren: “Halt die Fresse, du Nazischwein!”
