Warum die emigrierte Lyrikerin Mascha Kaleko den Fontane-Preis ablehnte

Eine Gespräch über Mascha Kaleko auf der ersten Seite der Jüdischen Allgemeinen, das überrascht. Es geht auch um den Fontane-Preis 1959. Die jüdische Lyrikerin lehnte die Auszeichnung ab. Volker Weidermann, der Interviewte, hat sich in seinem Werk “Wenn ich eine Wolke wäre – Mascha Kaleko und die Reise ihres Lebens” näher mit dem Fall befasst.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Jene Reise fand 1956 statt. Trotz aller Bedenken und Wunden kehrte die 1938 emigrierte jüdische Lyrikerin für ein paar Monate nach Deutschland zurück, also in die BRD und nach Westberlin. Durch ihre Schwester gab es auch Kontakt in den Osten. Und Verlagsaktivität. Ein Comeback. Und eine interessante Story, die Weidermann zu erzählen weiß. Bis hin nach Israel und die traurigsten Tage. Gedichte werden überaus geschickt eingefügt.
Anders als bei manchen Lesungen wird Kaleko nicht entpolitisiert, nicht romantisiert. Schon gar nicht beim Thema Fontane-Preis. In Neuruppin könnte man bei dem Stichwort an die Auszeichnung in der Geburtsstadt des Dichters denken. Den Preis der Stadt Neuruppin und des Landes Bradenburg gab es allerdings 1959 noch nicht. In West-Berlin wurde seit 1948 ein Literaturpreis unter wechselnden Bezeichnungen verliehen. Daraus wurde dann der “Fontane-Preis für literarische Werke jeder Gattung”.
Weidermann spricht in der Jüdischen Allgemeinen von einem “symbolischen Moment”. Mascha Kaleko habe sich geweigert, “den Preis aus den Händen eines Mannes entgegenzunehmen, der in der NS-Zeit Propagandist war”.
Ins Visier war Hans Georg Holthusen geraten, im Jahr 1959 Direktor der Abteilung Dichtung der Akademie der Künste. Kaleko emigrierte im Jahr 1938 kurz vor den Pogromen in die USA. An ihrer Seite ihr zweiter Ehemann Chemjo Vinaver und ihr Sohn Evjatar aus einer anderen Beziehung. Im Jahr 1933 hatte Kalko “Das lyrische Stenogrammheft “ noch veröffentlichen können.
Hans Georg Holthusen, Jahrgang 1913, trat 1933 in die SS ein. Er gehörte zu der Standarte Julius Schreck. 1937 folgte der Eintritt in die NSDAP. Im Rückblick schildert Holthusen selbst, er habe sich mit 16 Jahren von linksrevolutionärer Literatur begeistern lassen. Und ab 1937 sei er eigentlich nur noch der Form halber dabei geblieben. Derart weißgewaschen („Persilschein“) war eine Karriere als Germanist in der BRD möglich. Ämter, Funktionen und Auszeichnungen zeugen davon.

Vielfarbig, vielschichtig und politisch: Kaleko-Konzert von Dota in Neuruppin.
Foto: VHS

Das Spiel will Mascha Kaleko nicht mitspielen. Ein Gespräch zwischen ihr und zwei Vertretern der Akademie am 23. März 1959 in einem Hotelzimmer wurde von ihr protokolliert. Die Notizen zeigen, dass ihr moralischer Rigorismus vorgehalten wird. Holthusen aber wird von den lieben Kollegen sogar zur Figur des Widerstands stilisiert. An seinem Geburtsort Rendsburg pflegt man ein anderes Bild – das der zweifelhaften Karriere. Schade, dass es keinen Mitschnitt gibt von dem entscheidenden Satz. Über Nelly Sachs und Hilde Domin darf auch nachgedacht werden bei solchen Schamlosigkeiten: “Wenn es den Emigranten nicht gefällt, wie wir die Dinge hier handhaben, dann sollen sie doch fortbleiben.”
Beim Kaleko-Konzert von Dota in Neuruppin war zwar nicht von diesem Skandal die Rede. Doch das Ensemble, bei dem auch Wencke Wollny aus der Fontanestadt mitmischte, war redlich bemüht, die Tiefen des Werks und die Abgründe dieses Lebens auszuloten. Eine Weidermann-Lesung wäre sicherlich ein weiterer Höhepunkt und eine gute Möglichkeit, den Fontane-Kosmos zu erweitern. Was den Antisemitismus-Vorwurf gegenüber Fontane selbst anbelangt, wird es am 14. November ab 17 Uhr einen Vortrag von Iwan-Michelangelo D’Aprile im Museum Neuruppin geben. Den Vorwurf der “Posthumen Antisemitisierung”, so das Vortragsmotto, würde der 1997 verstorbene Germanist Hans Georg Holthusen seinen Kritikern womöglich auch gerne entgegen werfen. Jeder Fall liegt anders, das scheint gewiss.

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