Ein Harfenfest für Königin Christina von Schweden in Neuruppin

Greta Garbo und Liv Ullmann sind als Filmschauspielerin schon in die Rolle geschlüpft, August Strindberg hat sich als Dramatiker des Stoffes angenommen. Und nun gibt es mit Silent Opera ein Musikprogramm der Harfenistin Margret Koell zu Ehren von Christina von Schweden, das sie verschmitzt als “Szenen einer imaginären Oper” bezeichnet. Zur Uraufführung kam es in der Siechenhauskapelle in Neuruppin. Und es waren fast nur Frauen im Auditorium. Und musikalischer Nachwuchs mit Harfenneigung. Die Künstlerin wurde gefeiert für ihre Darbietung und ihren Wagemut.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Eine schillernde Figur wird man sie nennen dürfen, diese 1626 geborene Adelige, die sich, so heißt es, emanzipieren wollte, indem sie, des Amtes und der Würde überdrüssig und über Innsbruck unterwegs nach Rom, noch schnell zum Katholizismus konvertierte. Die sogenannte sexuelle Orientierung wird von einzelnen Stimmen in der Fachwelt der Historiker thematisiert. Die wunderbare Harfenistin Margret Koell erleichterte den Gästen den Zugang durch ein paar Hinweise, doch alles Wesentliche war nichts als Musik. Also sehr viel, meistenteils von Komponisten der Epoche des Barock geprägt, arrangiert für die Tripelharfe. Ob die Heldin in Wahrheit die Geige bevorzugte, sei hier wie in der Sieche vernachlässigt.

Zur Uraufführung wichtige Informationen und genug offene Fragen.

Bei zarten Klängen konnte geträumet werden, Johann Jakob Froberger und Marco Marazolli sei Dank. Mit Auszügen aus Werken von Antonio Cesti wurde der sakralen Feierlichkeit in Insbruck gedacht. Die Engel schienen zu tanzen. Im Geiste der Reformation wären andere Worte fällig. Eine eigens für dieses Lebensexperiment gefertigte Komposition von José María Sánchez Verdú ließ die Harfenistin vorab warnende Worte sprechen. Es werde turbulent, es werde ungestüm. Tatsächlich entlockte die Musikerin dem Instrument Klänge, Laute und Geräusche, wie sie so eher bei Reparaturmaßnahmen und Belastungsproben zu erwarten wären. Dünnhäutige wären spätestens jetzt gegangen. Ob sich Gäste der Gastronomie just dann aus Sorge der gläsernen Tür des Konzerttempels näherten, konnte den Blicken nicht entnommen werden. Und es wurde ja gleich danach wieder andächtig und anmutig. Dass das Kultwort von der Italienischen Reise später in der Regel mit Rückkehr verbunden war, etwa im Falle Goethes und Herders oder bei Karl Friedrich Schinkel, macht die Differenz deutlich. Die Umgetaufte wurde sesshaft. Und starb 1689 in Rom. Ob Amor in der Citta Metropolitana di Roma Pate stand wie bei Dieterich Buxtehude und Luigi Rossi, kann dem Spielverständnis der Künstlerin folgend offen bleiben. Dass sie selbst die Herzen der Zuhörenden erreichte, ist indessen über jeden Zweifel erhaben.

Ungebremste Wiedersehensfreude: Margret Koell und Gabriele Lettow.
Fotos: VHS

Eine Korrespondenz mit René Descartes wird erwähnt, wenn es um den teilweise ungeklärten Lebensweg der Exkönigin geht. “Ich musiziere, also bin ich”, würde die Siechenhausheldin wohl antworten, wenn der legendäre Franzose seinen Jahrhundertsatz schriebe. Mit ihrer Darbietung zeigte die virtuose Harfenspielerin, dass Herz und Verstand eben nicht gegeneinander auszuspielen sind. Das vermag allenfalls eine arm-selige KI.
Wie Gastgeberin Gabriele Lettow kann man nur hoffen, dass die Musikerin die Kulturstadt Neuruppin wieder beehren wird – als Solistin oder in einem Ensemble.
Ob die Künstlerin sich auch mal der tragisch endenden Margarete aus den Vatertagszenen des “Faust” annehmen mag? Gut, Gretchen nicht am Muttertag! Oder gerade – eine Würdigung, des Kerkers eingedenk? “Meine Ruh’ ist hin, mein Herz ist schwer”, das ist ihr Liebesding. Schon Nina Hagen ließ der Stoff glänzen und über sich hinauswachsen. Und Margret Koell könnte es ganz ohne Worte, nur mit hingebungsvollem Fingerspiel, in Anmut und Würde, das zeigte ihre imaginäre Oper. Deren geschichtlicher Urgrund greift auch ins Brandenburgische. Da konnte die Uraufführung doch nur in Neuruppin über die Bühne gehen. Wahnsinn! Was wird die Fachwelt schreiben?

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