Raus aus der Bedrängnis mit Margot Käßmanns “Farben der Hoffnung”

Die Theologin Margot Käßmann kann auf eine glanzvolle Berufslaufbahn zurückblicken. Kein Wunder, dass der einstigen Bischöfin der würdige schwarze Talar so lieb geworden ist. Doch wenn es ganz hart kommen könnte, etwa in einem von Männern dominierten Gremium, zog sie etwas Knallrotes an. Ein Kostüm oder einen Hosenanzug. Das habe gewirkt. So ihre Worte in der gut besuchten Klosterkirche, wo sie auf Einladung der Fontane-Buchhandlung ihr Werk “Farben der Hoffnung” in angenehmer Freizeitkleidung vorstellte und immer wieder Heiterkeit hervorrief.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Jana Kolar-Voigt von “Fontane” war die Erleichterung anzumerken. Für so viele Gäste wäre in der Buchhandlung wahrlich kein Platz gewesen. Und Dutzende wegschicken in der Karl-Marx-Straße, wenn es just um das geht, “was uns Kraft und Zuversicht schenkt”? Das ginge gar nicht. Pfarrer Thomas Klemm-Wollny war auch sichtlich erfreut über die Resonanz auf das Sonderangebot am Samstagnachmittag. Und inhaltlich kommt das lebensbejahende Werk der Gemeindearbeit und dem Selbstverständnis ohnehin sehr nahe. “Viele Menschen spüren eine unbestimmte Angst”, schreibt Käßmann. “Wo finde ist Halt”, fragten sich nicht wenige. Die Theologin ist überzeugt: “Gerade in dunklen Zeiten brauchen wir die Farben der Hoffnung als Trost und Ermutigung.”
Teils las die Autorin vor, teils erzählte sie. Das Buch selbst gewinnt einen Teil seiner Wirkung gewiss aus den modernen Bildern des Malers Eberhard Münch. Sie sind von ganz anderer Art als die traditionellen Kirchenfenster. Zwölf Farben kennt das Buch, sechs wurden ausgewählt. Schwarz, Rot und Gold waren auch darunter, aber nicht in dieser wohlbekannten Abfolge. Vorstellungskraft war gefragt und die Bereitschaft, Klischees zu überwinden. Für die Farbe Braun kann sich Margot Käßmann richtig begeistern. Sie schreibt: “Die Schönheit dieser Farbe dürfen wir uns doch von rassistischen, menschenverachtenden und antisemitischen Nationalsozialisten nicht nehmen lassen!” Nicht anders das Wort “Heimat”. Was sie von ihrer Mutter und deren Generation zu erzählen weiß, ist anrührend. Die frühe Verehrung des “Führers” wird nicht übermalt. Nichts wird geschönt, wenn es um die Verbrechen der NS-Zeit geht. Heiter wird’s, wenn die eigene einstige Heimat im Hessischen in den Blick rückt. Dieses Stadtallendorf muss echt ziemlich mittelmäßig sein, farbarm und unschön. Schon das Wortgebilde wirkt sonderbar. Heute hat Magot Käßmann Quartier auf der Insel Usedom und in der Leinestadt Hannover, ihrer entscheidenden Wirkungsstätte im Amt. Von Gottes Welt hat sie viel gesehen, etwa in Israel oder in Indien. In der hiesigen Region weilte sie diesmal auf Einladung von Andre Schmitz, wohnhaft in Garz.
Gold bleibt für Käßmann ein Mysterium – von den Sternen in der Bibel über die güldene Märchenwelt bis zum Liebreiz von Schmuck. Lebensphilosophie klingt an, aber es darf auch mal ein Schlager sein in St. Trinitatis. “Nimm den goldenen Ring von mir, dam-dam, dam-dam”, setzt sie an wie einst Drafi Deutscher. Heiterkeit erfüllt die Reihen, sicher auch wegen der Mehrdeutigkeit zwischen Eheglück und Scheidungserleichterung. Sie hat da ihre Erfahrungen. Wie üblich unter Theologen und Theologinnen blickt auch Käßmann aufs Ganze. Eben auf Gott und die Welt. Und da sieht es nicht erst 2026 alles andere als rosig aus. Schreckliche Schlagzeilen sind normal geworden. Tagtäglich. Minütlich. In Sekundenschnelle. Wer wäre da stressfest? Käßmann weiß: “Gerade heutzutage sind Oasen immer wichtiger geworden.” Und einst? Nach der Zeit im Paradies seien die Menschen “missgünstig, neidisch, gewalttätig und größenwahnsinnig” geworden, heißt es im Regenbogenfarbenkapitel zum Ausklang. Alle Farben stehen dagegen, so wie sie im Buche stehen.

Offene Ohren für die “Farben der Hoffnung”.

In “Pink” greift die Autorin auf eine Geschichte von Henning Sußebach zurück. Die “Hoffnung auf Glück” führt nicht zu rosa Kaninchen oder in Barbies hässlich schöne Welt, sondern zunächst zum Wunder des Wachsens aus Saat oder Samen im Sinne Jesu, dann mit Sußebach unter Menschen aus Rumänien am Straßenrand. Angeblich Handwerker, die mit dem Auto von England aus unterwegs sind durch Deutschland, also auf Heimreise. Käßmann weiß, wie man vorliest, um vorschnellem Urteil oder Vorurteil ganz kurz Raum zu geben, als säße man selbst im Auto. Bremsen? Anhalten? Aussteigen? Ansprechen? Glauben schenken? Klar! Man erfährt, “bis auf etwas Spritgeld hätten sie ihren ganzen Lohn schon nach Hause geschickt”. Nun halte ein Getriebeschaden die drei Männer um die 50 fest an einer Autobahnabfahrt in Süddeutschland. Was tun? Entweder bei Sußebach oder bei Käßmann nachlesen, wie es weiterging am 22. Dezember 2013 am frühen Abend in der Dunkelheit unweit von Waldbüttelbrunn. Mit “in the pink” wird dabei ein Lebensglücksgefühl umschrieben, das eine Definition auf Ratgeberart nicht vertrüge. Für Margot Käßmann gehört Gottvertrauen dazu.

Regenbogenfarben – hier von Eberhard Münch.
Fotos: VHS

Gerne hätte man seitens der Buchhandlung schon auf dem Büchertisch präsentiert, was als Nächstes ansteht aus der Feder der ambitionierten Autorin. Ihr Hinweis, ständige Aufrüstung schaffe doch keinen Frieden, wurde in St. Trinitatis laut beklatscht. Am 1. September 2026 erscheint “Warum ich Pazifistin bleibe”. Es wird um Friedensfähigkeit gehen. Angst vor vermintem Gelände hat Käßmann ohnehin nicht, das zeigte sich schon bei einer Unterschriftensammlung von Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht mit kritischem Bezug zur Ukraine-Politik der damaligen Koalition in Ampelfarben. In Neuruppin hieß es gleich zu Beginn, was über “Grün” im Buch “Farben der Hoffnung” stehe, sei nicht etwa parteipolitisch zu verstehen. Der kleine Scherz zum Thema “Leihmutterschaft” auf der Basis von Moses I (16), der sich so im Buch von 2024 noch nicht findet, ist für Unionschristen natürlich ein Kreuz. Eher nicht auf Wahlzetteln…

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