Einfach wahnsinnig verliebt, aber voll unglücklich: Helena Bregar
Eigentlich gehört Helena Bregar mitten hinein ins Musiktheater, ob Oper, Operette, Musical, Ballett oder offenes Spektakel. In der gut besuchten Siechenhauskapelle gab die Sängerin Kostproben ihres Könnens. Das Ensemble “musica cubicularis” brachte “Mad Songs” nach Neuruppin. Sie kamen wahnsinnig gut an bei den wie verrückt applaudierenden Gästen. “Bravo!”, wurde auch gebrüllt!
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Als Veranstalterin freute sich Gabriele Lettow natürlich darüber, dass sich bei hochsommerlichen Temperaturen doch fast fünfzig Menschen für den Konzertbesuch entschieden hatten. Unter dem Titel “Mad songs” waren englische Lieder von Liebe, Eifersucht und Wahnsinn angekündigt worden. Die Entstehungszeit liegt schon ein Weilchen zurück. Man bewegte sich meistenteils im aufgewühlten 17. Jahrhundert. Ein paar Erläuterungen von Domen Marinčič halfen ein wenig beim Verständnis dieses überaus ausdrucksstarken Gesangs der Sopranistin. Sie scheut sich nicht, ihre Gefühle zu offenbaren durch ihren Blick, ihre Gestik, ihre Bewegungen. Extreme Aufwallungen werden Gesang. Unfassbares Glück auch und aufzehrende Enttäuschungen. Noch bei jedem Intermezzo der Instrumentalisten Sam Chaman (Erzlaute), Tomaž Sevšek (Cembalo) und eben Domen Marinčič (Viola da Gamba) bleibt sie wie elektrisiert sitzen. Es scheint in diesem Tollhaus der englischen Art kein Entkommen zu geben.
Der Komponist Henry Purcell dominierte das Programm. Mit John Blow ging’s los. Mit John Eccles ging’s weiter. Ausschnitte aus Bühnenkunststücken boten der Sängerin natürlich besondere Möglichkeiten der Theatralik. Man denke nur an “Iphigenia” von Abel Boyer aus dem Jahre 1699. Stumm läge ein Reclamheft mit Goethes Versen daneben. Dabei bedarf es doch gegenüber den Göttern der Antike des Gesangs, des Aufschreis, der Entgrenzung. Vom Liebesglück wurde im Übrigen auch irre schön gesungen. Anmutig! Mutmachend! Aufmüpfig!
Dass die drei Herren eine ziemliche Zurückhaltung üben an ihren Instrumenten, gehört zur Dramaturgie. Als Solisten oder im unterschiedlich kombinierten Duett haben sie genug Gelegenheit, in Neuruppin zu zeigen, was sie können. Sehr viel! Und bleiben doch eher Begleiter. Drei Männer im Streit um die liebreizende Gestalt, das wäre ein anderes Stuck. So boten sie überwiegend Besinnung, Erholung, auch durch sakral anmutende Töne.

Domen Marinčič erwähnte zwischendurch, dass man in England einst den Zugang von Bürgerinnen und Bürgern zu den ersten “Irrenhäusern” zuließ, um per Eintritt neue Einnahmequellen zu erschließen. Einfach irre, was der um sich greifende Prozess der Vermarktung vermochte und vermag. In der Südddeutschen – das ist eine Tageszeitung – war am Wochenende zu lesen, beim Dating per App spiele politische Gesinnung eine immer größere Rolle, sogar bei Verabredungen am Lebensabend: “Die Partnersuche gleicht hier einem Auswahlprozess auf einer Speisekarte”, schreibt der Journalist Sebastian Hermann. Eine Künstlerin wie Helena Bregar könnte sich mit Musikvideos ins Spiel bringen. Attraktion oder Aversion bei Nummern wie “A Fools Preferment”?

Fotos: VHS
“Haste, give me wings” von John Eccles ließ die Töne der Instrumentalisten besonders aufschwingen. Die Sängerin wird erfasst von einer Leichtigkeit, von der sich sicher manche Gäste gerne hätten anstecken lassen für das Leben, ob allein oder gemein. Aber “Madness” ist eigentlich gerade nicht in. Die Republik erlebt Kämpfe um “Normalität”. Um “Deutschtum”. Umso schöner, wenn dann eine slowenisch geprägte Formation irre englische Songs in die Region zwischen Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bringt und die angelockten Menschen in der Brandenburger Fontanestadt mitreißt in Tränenfluss, Wolkenbruch und Sternenglanz.
Dass ein Vertreter der Botschaft Sloweniens mit seiner Familie anwesend war, führte spontan zu Beifallsbekundungen. Man kooperierte bei diesem Konzert mit dem slowenischen Kulturinformationszentrum und mit dem zuständigen Ministerium in Potsdam. Ein Repräsentant war ebenfalls zugegen und wurde mit Applaus begrüßt.
Nun ist Pause in der “Sieche”. Im September geht’ mit Aequinox in Garz in der Kirche weiter. Die Tür der Siechenhauskapelle öffnet sich am 18. Oktober wieder zum Konzert. “Delight and Melancholy” ist das Motto. Sprezzatura 22 spielt. Wahnsinn, was hier so geboten wird. Man muss es nur wahrnehmen…

Danke für den tollen Artikel und den Hinweis auf die schönen Herbstaussichten.
LG Christiane
Förderverein der Siechenhauskapelle