Schweren Herzens habe die gesundheitlich angeschlagene Luise Hensel im Jahr 1832 in Aachen um ihre Entlassung aus dem Schuldienst gebeten, schreibt Winfried Freund. Die 1798 in Linum geborene Quereinsteigerin ins Lehramt stellt die Vorgänge und Zusammenhänge ganz anders dar. Es lohnt sich, ihre Briefe an Clemens Brentano aus den Jahren 1827 bis 1832 zu lesen.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
“Leben und Werk der Luise Hensel” nennt Freund seinen Band. Er erschien 1984 in Wiedenbrück. Luise Hensel schreibt am 10. August 1832: “Ich habe hier meine Entlassung erhalten, weil man die Schule einschränken will.” Die beiden unteren Jahrgänge sollen wegfallen an der katholischen Höheren Töchterschule. Hensel hält das für eine Fehlentscheidung. Eingestellt worden war sie 1827 und mit unterrichtlichen und konzeptionellen Aufgaben betraut worden. Steigende Anmeldezahlen werden insbesondere mit ihrem Wirken in Verbindung gebracht, wenn man Hermann Multhaupt folgt, der 2023 “Luise Hensel – Ein Leben wie ein Gedicht” veröffentlicht hat. Ausgebildet ist sie nicht, aber gebildet und recht lebenserfahren, darüber hinaus nach ihrem Wechsel zum Katholizismus glaubensfest, zumindest nach außen.
Am 9. August 1829 schreibt Luise Hensel an Clemens Brentano: “In jetziger Zeit, wo die Eltern ihre Kinder gar nicht mehr erziehen, mögen Pensionate notwendig sein.” Am 22. November 1829 wird sie noch deutlicher: “Die allgemeine Gesinnung ist hier, wie sie bei reichen Kaufleuten und Fabrikanten gewöhnlich ist, geldstolz und oberflächlich.” Schulgeld wirkt als Bezahlschranke. Hensel will nicht zu sehr verallgemeinern. Einige Familien zeichneten sich auf rühmliche Weise aus, notiert sie, ohne zu sagen, wodurch. Untertänig wirkt das nicht, wenn sie bemerkt: “Ich habe jetzt zu allen meinen Arbeiten noch wöchentlich einen Lehrkurs von 3 Stunden mitzumachen, der, von der städtischen Schulkommission errichtet, außerordentlich dumm und zwecklos ist.”
Als die Entlassung ausgesprochen wird, liegen schon ein paar Zwangspausen hinter der ambitionierten Lehrkraft. Heute würde man von ein, zwei Kuren sprechen. Trotz Auszeit beklagt sie im Herbst 1829 abnehmende Gedächtnisleistungen, schwächere Sehkraft und verminderte Begeisterungsfähigkeit. Dabei liegen ihr die Mädchen alle am Herzen. Und einige wohl zu Füßen. Bei Fortschritten und Erfolgen ist ihre Freude riesig. Auch später noch, als sie der ehemaligen Kaiserstadt Aachen längst den Rücken gekehrt hat.

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“Ich schleppe nur noch so am Leben”, klingt nach Burnout. Mit Gott hadert sie nicht, niemals. “Erschöpft bin ich, finde keine Ruh”, dichtet sie nicht. Zumindest wurde nichts dieser Art öffentlich. An sich selbst legt sie strenge Maßstäbe an. Etwas Geld von Clemens hat sie für einen Filzhut verwendet. Nun fragt sie sich (und ihn), ob das Geld womöglich nur für Arme bestimmt war.
Hermann Multhaupt weiß, dass Luise Hensel “neben ihrer erfolgreichen Erziehungsarbeit und Begegnungen mit artverwandten Seelen viel Zeit einer umfangreichen Korrespondenz widmet”. Leider hat er sie nicht gelesen oder all die Briefe dieser starken Frau waren noch nicht zugänglich, trotz Franz Binders Werk “Luise Hensel” aus dem Jahre 1884, im Jahre 1904 neu aufgelegt und ergänzt. Binder war Nachlassverwalter. Die kinderlose und ehekritische Luise Hensel, die 1830 in Aachen revolutionäre Unruhen fürchtete und einen brutalen Kulturkampf kommen sah, muss hier das letzte Wort haben. “Es tut mir weh, wenn bei mancher unserer Schülerinnen durch die Eltern selbst geflissentlich zerstört wird, was wir mühsam aufzubauen suchen.”







