Ein Blick auf die wohlgeordnete Wortwelt im Frühling 2026.
“Es herrscht Haltungszwang”, klagt Gloria von Thurn und Taxis über den Zeitgeist in Deutschland. Sie gehört zu den Ratgebern in dem Wörterbuch “Links-Deutsch Deutsch-Links”. Einer Kultfigur ganz ohne Haltungskrampf gilt “Udo Fröhliche”. Da liest man unter dem Stichwort “Normalität” anderes, als die AfD für die Zukunft zwischen Bodensee und Borkum vorhat. “Was andere als Störfaktoren erleben, ist ihm willkommene Abwechslung”, weiß Benjamin von Stuckrad-Barre über seinen Freund Udo Lindenberg. Es geht also eigentlich um das Unnormale, das Udomäßige, das Unbotmäßige…
Von Volkmar Heuer-Strathmann
“Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen”, dichtete einst Novalis. Das Wahre war noch nicht zu finden. Nun kann, wer spazieren geht in Neuruppin, hier und da und immer wieder erleben, dass Ziffern Worte ersetzen sollen. “161” ziert eine Hauswand. “AFA”? Also Antifa? Nicht anders an einer Haltestelle in Gildenhall, wo überwiegend Kinder auf den Bus warten. Zum Schema F schreibt Björn Harms in jenem Sammelband bekennender Rechter: “Wer als Faschist gilt, suchen sich Antifa-Anhänger selbst aus.” Ist man schon mal dabei, kann man gleich weiterlesen. “Aufmarsch” sei eine Kundgebung nicht-linker Demonstranten. Und als “Autokrat” gilt bzw. galt etwa Viktor Orban, “weil er Grenzen schützt und EU-Gelder nicht blind verschlingt”. Von A wie “abholen und mitnehmen” bis Z wie “Zweistaatenlösung” wird vereinfacht, verdreht, verhöhnt: “An die Zweistaatenlösung glauben nur noch Leute, die auch an den Weihnachtsmann und an den Osterhasen glauben.” Claudio Casula hat das verfertigt. Julian Reichelt und Pauline Voss konnten auch Wolfgang Kubicki zum Mitmachen motivieren. Der FDP-Politiker schreibt über “Gemeinwohl”. Und der Text hat sogar etwa Gemäßigtes, Unaufgeregtes, das sei nicht unterschlagen. Dass Gewinnstreben nicht per se schlecht sei, sondern eher im Gegenteil gut, liest man. Und vorher: “Dass es Linken gelungen ist, diese Gewinnerzielungsabsicht in den Ruf der Anrüchigkeit zu bringen, ist verheerend für unser Land.” Natürlich wird Profit in Anführungsstriche gesetzt.
Dass Udo Lindenberg nur Gewinn machen wollte in der DDR, war nicht der Grund, ihm in den 80ern eine Tournee zu versagen. Er wollte nur mal “bei euch da singen”, weiß Stuckrad-Barre. Bald durfte er Erich Honnecker ein Geschenk bringen. Unter “DDR”, selbstredend ohne Anführungsstriche, lesen wir, der Staatsratsvorsitzende habe auf E-Gitarre und Lederjacke mit einer Schalmei geantwortet. Nicht spielend. Gebend. Auf Kosten des eingepferchten Kollektivs sicherlich. Die Medienaufmerksamkeit gerne mitnehmend. Ob diese Waffe im Osten oder im Westen gefertigt ward, wird nicht offenbart.

Fotos: VHS
So hat dieses Wörterbuch über weite Strecken etwas Heiteres. Unter “Wortschöpfungen” ist das “Flimmerkastenzimmer” sicher schon historisch. Mit “Schlafbehörde” war nicht die Stasi gemeint. Das andere Wörterbuch hat etwas Hetzerisches. Allerdings wird unter “Hass und Hetze” korrekt dargelegt, dass die Alliteration im Strafrecht so kein Fundament hat. Joachim Nikolaus Steinhöfel bemüht sich wenigstens ein wenig um Differenzierung. Inzwischen haben zahlreiche Autoren und Autorinnen dem Verlag Westend den Rücken zugekehrt. Das wird vermutlich in einer erweiterten Neuauflage notiert werden. Stichwort “Deutsches Reinheitsgebot”? Unter “Alkohol” heißt es bei Stuckrad-Barre: “Udo hat dem Alkohol viel zu verdanken, viele seiner besten Einfälle hatte er im Vollsuff…” Auch die Verse, die heutzutage gar nicht mehr gehen? Mit jungen Mädels und so? “Was schwarz ist, schätz’ ich jetzt geringer, was blond ist, lieb’ ich allermeist, und dumme, fünfzehnjähr’ge Dinger entzücken mich durch ihren Geist”? Das? Nein? Stimmt, das ist bloß ein Fontane, das ist R wie “Resignation”. Nur, dass es noch kein Wörterbuch gibt. Kommt gewiss noch. Dann kann bei irgendeinem Festival daraus brav vorgelesen werden.
