Udo Fröhliche & Herbert Selige – ein furioses Orgelrockpopkonzert

Äußerlich hat David Schollmeyer nichts von Udo Lindenberg und nichts von Herbert Grönemeyer. Und an Orgelmusik denkt man auch nicht unbedingt, wenn ein Abend als “Lindenberg & Grönemeyer” angekündigt ist. Auf jeden Fall reichten die damit verbundenen Hoffnungen und Erwartungen aus, um einen Besucherrekord zu erreichen. Aus freudigem Applaus der fast 450 Gäste wurde bald stürmische Begeisterung für den Organisten aus Bremerhaven.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Zur Einstimmung präsentierte Anne Nippraschk ein paar Verse aus verschiedenen Songs der beiden Stars. “Der Wind weht von allen Seiten”, sang Lindenberg schon 1988. Es sollte bald richtig stürmisch werden in Deutschland. Politische Klimaveränderung. “Nach der Ebbe kommt die Flut”, wirkt eigentlich unaufgeregt bei Herbert Grönemeyer im Jahr 2002. Was aber, wenn die sicheren Rhythmen gesprengt werden? Die Gäste wurden eingeladen, sich ihren Erinnerungen hinzugeben. Denn Anne Nippraschk war sich sicher, dass viele der Versammelten oder womöglich alle irgendwie mal berührt worden seien von einzelnen Songs der Künstler – ob klammheimlich in der DDR oder völlig unheimlich in der BRD. Im Geschäft sind die Herren schon lange und immer noch und das im Alter von 80 und 70 Jahren.

Kein Schlapphut, kein Babyface: David Schollmeyer an der Zwillingsorgel.

Bei Talentwettbewerben an Schulen wird manchmal auf Lautstärkemessung zurückgegriffen. Die Feinheiten erfasst man damit natürlich nicht. Ohne ein Gerät dieser Art in der Tasche lässt sich im Hinblick auf den Abend sagen, dass “Sonderzug nach Pankow” besonders laut beklatscht und bejubelt wurde und “Männer”. Auf Platz eins aber ganz eindeutig “Mambo” von Herbert Grönemeyer. Die Nummer reißt mit, aber vielleicht gibt eher den Ausschlag, dass der wuchtige Tanz am Ende stand und man den gefeierten Künstler auf keinen Fall einfach gehen lassen wollte. Ein Sturm der Begeisterung wehte dem Kirchenmusiker entgegen – tatsächlich aus allen Richtungen, denn nicht wenige Gäste hatten hinten auf der Empore, auf den Seitengängen oder im vorderen Kirchenschiff Platz gefunden. Für Fluchtwege sorgte das Team um Matthias Noack natürlich gerade deshalb. Etwas Stärkung gab es bei Anna und Martin Cron. David Schollmeyer selbst sprach angesichts der außergewöhnlichen Resonanz schon vorab von Weihnachtlichkeit.

Begeistert beklatscht nach 18 Songs, also bitte weiter mit der Zugabe!
Fotos: VHS

Da hatte er die ganz Arbeit noch vor sich. Zuerst “Alles klar auf der Andrea Doria”, dann “Cello” – also sehr unterschiedliche Kompositionen, dann “Ein Herz kann man nicht reparieren”. Ohne Moderation und ohne Songtext kommt’s darauf an, schnelle Wiedererkennung zu ermöglichen und doch bei je neun Titeln hinreichend zu variieren an Pedalen, Tasten und Registern. Und genau das gelingt dem gebürtigen Thüringer aus Wittenberg. “Kinder an die Macht” von Grönemeyer präsentiert er, als hätte er schon mal ein paar Kids an den Pfeifen. Bei “Alkohol” vermeidet er Missverständnisse. Udo Lindenberg würde den Song anders singen, da darf man Gift drauf nehmen. Schollmeyer hält die beiden Männer getrennt. Er weiß ja: “Männer sind so verletzlich.”

Als aktuell war “Sie brauchen keinen Führer” nach Lindenbergs Song aus dem Jahr 1986 angekündigt worden. Da stößt die Kirchenorgel an Grenzen. “Sie brauchen ihn nicht mehr, diese neuen Nazi-Schweine”, war so klar nicht herauszuhören, aber es ging stürmisch zu hochoben im Orgelwerk. “Udo Fröhliche” nennt Benjamin von Stuckrad-Barre sein Werk über den Freund zu dessen 80. Geburtstag. “Herbert Selige” mag die beiden Musiker auf eine Stufe heben in einer Kirche unterm Kreuz. Sie werden nicht erst seit heute beide heftig angefeindet von Rechtsaußen. In St. Trinitatis wurden sie nur bejubelt, so furios und doch feinfühlig, wie David Schollmeyer die Künstler musikalische Gestalt annehmen ließ.

Am 12. Abend heißt es in der Reihe der Sommerkonzerte “Pipes and Beats”. Los geht’s auch am 1. September 2026 um 19.30 Uhr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Auch interessant