Auch an Verse von Else Lasker-Schüler wurde erinnert.
Am 10. Mai 1933 soll zumindest in Berlin eher mäßiges Wetter gewesen sein. Man kann ganz sicher sein, dass auch Sturm und Hagel die Nazis nicht davon abgehalten hätten, die von ihnen als “undeutsch” eingestufte Literatur zu verbrennen – ein weiterer Schritt hinein in die kulturelle Barbarei. Über dem Schulplatz schien die Sonne, als die vom Bündnis “Neuruppin bleibt bunt” organisierte “Lesung gegen Zensur und Vergessen” von Martin Osinsky und Wolfgang Freese eröffnet wurde.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
An Anmeldungen war kein Mangel, also an Lesebereitschaft. An thematischer Breite und Brisanz auch nicht. Über jeden und jede der vorgestellten Künstler und Künstlerinnen und ihre Werke könnte ausführlich referiert werden. Und zur Motivation, zur gezielten Auswahl wurden auch wichtige, teils persönliche, teils eher politische Bemerkungen gemacht. Zur Hochzeit waren fast dreißig Menschen versammelt.
Wie Erich Kästner die Aktion erlebt hat, wurde anhand seiner Erinnerungen aus dem Jahr 1947 dargelegt. Er war in Berlin an Ort und Stelle, als es hieß: “Ich übergebe den Flammen die Werke von …” Kästners Bemerkung, dass die Aktion nicht wenigen der Studenten nicht leicht gefallen sein dürfte, basiert nicht auf einer Erhebung. Wie auch?
Gedichte von Mascha Kaleko und Bertolt Brecht wurden zu Gehör gebracht, später erklang mit Hilde Domin eine weitere wichtige Stimme aus dem Exil. Wunderbare Gedichte wie “Nur eine Rose als Stütze” konnten noch nicht Gegenstand der Verbrennungsaktionen sein. Anders die vorgetragenen Werke von Heinrich Heine, Erich Mühsam und Ernst Toller – allesamt in Neuruppin mit Straßennamen geehrt.

“Einmal” von Moritz Gleitzmann, “Die Jünger Jesu” von Leonhard Frank und “Der Ausflug der toten Mädchen” von Anna Seghers berühren das Motto der Lesung auf ganz unterschiedliche Weise. Zu bewältigen ist eine komplexe Erzählung oder ein anspruchsvoller Roman natürlich nicht anhand einiger knapper Textstellen. Nicht anders die Aufarbeitung der Lebensgeschichte der Autorin Grete Weiskopf. Insofern war die Veranstaltung auch eine Anregung, sich gründlicher mit dem einen oder anderen Stoff zu beschäftigen. Auch dafür gab es dankbaren Applaus.

Fotos: VHS
Ein Beitrag aus der Feder von Kurt Tucholsky stach durch Humor hervor. Egal, was er wie notiert hatte, er war als früher Kritiker der nationalsozialistischen Bewegung und ihrer Anhängerschaft mit dem Gesamtwerk auf der Schwarzen Liste. Bei all der Traurigkeit und Verzweiflung mal laut zu lachen über die Wendung “Na, und denn -“, war wohltuend. Insgesamt aber überwog die Nachdenklichkeit, auch als es um die Frage ging, ob und wie der Siegeszug der NSDAP um 1930 noch mit juristischen Mitteln hätte verhindert werden können.
Politisch Interessierte wissen sicherlich, dass sich die AfD in Sachsen-Anhalt im Hinblick auf die Baukunst gegen “modernistische Traditionsbrüche und traditionslose Experimente” ausspricht. An diesem Nachmittag ging es “nur” um die Bauformen der modernen Literatur und den Tag der Brandstifter…
