Les Scheinflug: Auch im Alter immer noch in der Fußballwelt zu Hause. Screenshot Football Australia
Wenn in Deutschland von der Fußballweltmeisterschaft 1974 die Rede ist, fällt natürlich der Name Sparwasser. Unvergessen die Niederlage der hochfavorisierten DFB-Elf in Hamburg gegen die DFV-Kicker. Jürgen Sparwasser schoss das Siegtor und wirkte so mit an der Erfolgsgeschichte der Gegner, die am Ende in München das Finale gegen die Niederlande glanzvoll gewannen. Wie es dem in Deutschland geborenen Australier Les Scheinflug, ursprünglich Ladislav, als Trainerassistent in den Spielen gegen die Mannschaften der DDR und der BRD ging, hat die hiesige Fußballwelt noch nicht sonderlich beschäftigt. Und noch weniger, ob ein Typ dieser Art auf Nagelsmann folgen sollte.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Im Jahr 1938 in der ehemaligen Residenzstadt Bückeburg zur Welt gekommen, ging es für den fast 17jährigen Jugendlichen 1955 mit den Eltern nach Australien. Im Jahr 1961 machte Scheinflug bei seinem ersten Besuch in der Bundesrepublik auch einen Abstecher an den Geburtsort. Er hatte wohl ziemliches Heimweh gehabt. Nun ergriff ihn dort allerdings die Sehnsucht nach Sidney.
Scheinflug ahnte 1961 natürlich noch nicht, dass er 1974 als Trainerassistent der Australier in Deutschland gleich mit Männern und Hymnen aus beiden deutschen Staaten zu tun bekommen sollte. Nebenbei bemerkt: Wie der Sportjournalist Christian Eichler in seiner „Geschichte des Fußballs in 90 Spielen“ das organisierte Rübermachen mit Rückflugpflicht schildert, das ist lesenswert. Die Rechnung der Obrigkeit in Ostberlin ging nicht ganz auf, schaut man auch auf die genehmigten Unterstützerfahrten.
„Australien reiste mit einer Amateurgruppe zur WM, den ‚Socceroos‘, ein Kunstwort aus Soccer und Känguru“, schreibt Andreas Matle in „Tore, Tränen und Triumphe“. Der Autor blickt auf immerhin fast 100 Jahre Fußballweltmeisterschaften seit der Premiere in Uruguay im Jahr 1930 zurück. In einem Gespräch mit einem Mitarbeiter des Fanmagazins „11 Freunde“ erinnert sich Les Scheinflug selbst an den Jungfernflug und das Turnier in der BRD: „Wir hatten keine Ahnung, was uns bei diesem Turnier erwartet. Wir waren Abenteurer, die sich nicht mal auf die Unterstützung aus Down Under verlassen konnten.” Im Flugzeug Richtung Europa nach einem Trainingslager in Israel saßen Cheftrainer Rale Rasic, sein Assistent Les Scheinflug und 23 bekennende Amateure. Scheinflug weiter: “Einerseits hatte der Verband kaum Geld für uns übrig, andererseits interessierte Fußball in Australien keinen Menschen. Die Einheimischen kannten nur Rugby.”
Scheinflug hat nicht vergessen: “Einige mussten extra für das Turnier Urlaub bei ihrem Arbeitgeber einreichen. Diejenigen, die keinen bekamen, mussten wir zu Hause lassen. Was waren wir für ein bunter Haufen: Schlosser, Maler, Verkäufer und ein Milchmann.” Der Letztgenannte kam ebenfalls ursprünglich aus der BRD. Für den Milchmann soll das tägliche Bewegungspensum beste Vorbereitung gewesen sein.
„Die Truppe schlug sich wacker“, bescheinigt Andreas Matle im Hinblick auf die WM 1974 den Australiern. Ein torloses Unentschieden gegen Chile, zwei unspektakuläre Niederlagen gegen die geteilten Deutschen, das war die Bilanz.

Screenshot aus einem Video von pöhler & poeten
Die Erinnerung an den Deutschlandtrip bekommt Jahre später dann doch noch ganz andere Züge: “Vor dem ersten Spiel gegen die DDR habe ich abends lange mit Manfred Schäfer zusammengesessen.” Das ist der Milchmann. “Wir haben über unsere Wurzeln gesprochen, über das komische Gefühl, gegen unser Heimatland anzutreten. Die Teilung des Landes war für uns eher nebensächlich, schließlich waren wir beide in Westdeutschland groß geworden.” Später heißt es mit Bezug zum Spiel gegen die DFB-Stars: “Als die Hymnen gespielt wurden, spürte ich, dass mein Herz für beide Seiten schlägt. Seitdem sage ich: Wenn man Deutscher ist, bleibt man es auch.” Das wird nicht erst im 21. Jahrhundert kontrovers diskutiert. Was mit dem Herzschlag bei der DDR-Hymne war, hätte auch interessiert.
Für Australien sei die WM 1974 der Startschuss für eine Fußball-Euphorie gewesen. “Kinder wollten plötzlich auch kicken, nicht mehr nur Rugby spielen. Heute gibt es hier professionelle Strukturen, von denen wir damals nicht mal träumen konnten. So gesehen waren wir Pioniere für den australischen Fußball.” Eben erst war in der FAZ aus der Feder von Christian Eichler zu lesen, 1966 habe Les Scheinflug das jeweils einzige Tor der Australier in der WM-Qualifikation geschossen. Gegner war Nordkorea. Man ging 1 : 6 und 1 : 3 unter. Les Scheinflug wurde 1981 Cheftrainer der Nationalmannschaft. Drei Jahre währte die Dienstzeit. Es folgten Verpflichtungen für Australien als Interimstrainer. Die Bilanz: 15 Siege in 21 Länderspielen. Bei australischen Clubs war er auch unter Vertrag, außerdem im Jahr 2002 als Trainer der Auswahl der Fidschis. Ob Les Scheinflug das Ausscheiden der Australier im TV verfolgen konnte?
Seit 1975 gibt es in Australien aufgrund einer Initiative von Königin Elizabeth II. den Order of Australia. Für seine Verdienste um den Fußball im seit 1949 unabhängigen Australien als Nationalspieler und Trainer wurde dem Bückeburger mit australischer Staatsbürgerschaft die Ehre der Mitgliedschaft im Jahr 2000 zuteil. Für den Job in Deutschland, seiner Herzensheimat, ist er vermutlich nicht mehr jung genug. Wirklich: ein bekloppter Gedanke…
