Glosse: Eine kurze Wutrede über sogenannte Leistungsträger

Wer sind eigentlich die viel beschworenen „Leistungsträger“ unserer Gesellschaft? Sind es vor allem diejenigen, die besonders viel verdienen – oder nicht vielmehr auch jene, deren oft schlecht bezahlte Arbeit unseren Alltag überhaupt erst möglich macht? Eine polemische Betrachtung über Leistung, Anerkennung und gesellschaftliche Selbstgefälligkeit.

Von Otto Wynen

Heute Morgen war es mal wieder so weit: ich war bereit, mir ein paar politische Nachrichten und Statements anzuhören. Und so geriet ich nach einer Weile auf den – zumindest der Sensationsmache unverdächtigen – Kanal Phoenix. Gemeinhin wird er als seriös bezeichnet. Unversehens geriet ich in ein Interview zur Lage der CDU (die mich im Grunde genommen wenig interessiert), in dem ein Redakteur der Tageszeitung „Welt“ als Fachmann befragt wurde. Viel habe ich davon nicht mitbekommen, weil ich schon nach wenigen Sätzen des Fachmanns die Nase voll hatte. Nämlich als er von den jetzt zusätzlichen steuerlichen Belastungen für „Leistungsträger“ schwadronierte.
Leistungsträger? dachte ich, wen kann so ein Welt-Redakteur denn meinen? Mich sowieso nicht – ich falle aus solchen Kategorien völlig raus. Vermutlich meinte er mindestens seinesgleichen. Also Leute, die in den Medien zum Beispiel was zu sagen haben. Aber das ist wahrscheinlich auch nur eine untere Schicht der Leistungsträger. Leistungsträger werden für Meinungsmacher seiner Provenienz vor allem Menschen sein, die für das, was sie tun – ich sag´s jetzt mal salopp – ziemlich viel Kohle bekommen. Und die, wann immer ihnen Gelegenheit geboten wird, rausposaunen, wie fleißig sie denn sind. Vor ein paar Tagen gab´s einen Sturm im Wasserglas, als einige dieser Leistungsträger öffentlich kundgetan hatten, dass sie Deutschland am liebsten verlassen würden. Warum? Wegen der Steuern. Was machten diese Leistungsträger? Es waren Lobbyisten. Wahrscheinlich mehr als nur gut bezahlte Lobbyisten. In welcher Welt leben wir eigentlich? Vor allem: in welcher Welt leben denn diese Menschen? Leistungsträger scheinen sich vor allem dadurch auszuzeichnen, dass sie den Hals nicht voll bekommen können. Dass sie raffsüchtig möglichst viel in die eigene Tasche wirtschaften.

Hoher Verdienst, wirtschaftlicher Einfluss und gesellschaftliche Leistung werden häufig miteinander gleichgesetzt. Doch bildet Einkommen tatsächlich ab, wer wie viel zum Funktionieren einer Gesellschaft beiträgt?
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Dieser sonderbare Leistungsbegriff machte nach dem 2. Weltkrieg Furore. Unsere Gesellschaft wurde zu einer Leistungsgesellschaft. War sie das vorher nicht auch schon? Nicht ganz. Es gab da eine nicht unerhebliche Bedeutungsverschiebung in der Bezeichnung und Charakterisierung unseres gesellschaftlichen Miteinanders. Lange Zeit stand nämlich der Begriff der Pflicht in viel höherem Ansehen als der der Leistung.
Pflicht? Da werden unsere Leistungsträger nur müde oder mitleidig den Kopf schütteln. Wem sollten sie sich verpflichtet fühlen? Dem Millionenheer der „Taugenichtse und Arbeitsscheuen“. Behüte Gott, oder besser noch, der Kanzler. Warum sollte man das schöne Geld zu deren Alimentierung rausschmeißen?
Die Blindheit, Beschränktheit und Selbstgefälligkeit dieser Leistungsträger (wohlgemerkt: es gibt wirklich Ausnahmen), die ja tatsächlich glauben, was sie sagen, dass nämlich sie die größten Leistungen für unser Land vollbringen. Und nicht etwa die Hunderttausende schlecht bezahlten Alten- und KrankenpflegerInnen, nicht die Millionen „Dienstleistenden“ in prekären Arbeitsverhältnissen, die dafür sorgen, dass der ganze Laden läuft: die LehrerInnen, die hart arbeitenden und unersetzlichen Menschen der Müllabfuhr, die ErzieherInnen, die Taxifahrer, all die ungenannten und oft schwarz arbeitenden Hilfskräfte in den Hotels und Privathaushalten. Die selbsternannten Leistungsträger kämen ohne deren Hilfe weder von Ort A zu Ort B kämen, sie hätten nichts zu essen und würden im eigenen Dreck untergehen. Genau das aber verdrängen und verschweigen sie.
Diese Arroganz der Macht, der Mächtigen, die so selbstverständlich kundtun, sie seien die Leistungsträger, ist skandalös. Und absurd. Sie zeigt, dass unsere herrschende Schicht, in ihrer Verblendung nicht einmal verstanden hat, wie Gesellschaft funktioniert. Und das Beschämende ist, dass wir diesen Leuten diese hohle und verlogene Rede durchgehen lassen.
Leistungsträger? Dass ich nicht lache. Aber Murren nützt da nichts. Man muss diese Situation ändern. Wir müssen diese Situation ändern.

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