Lars Eidinger, der Theaterfechter – von Theodor Fontane auf Abwege gelockt?

Der Fall erweckte Aufsehen. Blut im Theater! Natürlich in Berlin. Und kein Theaterblut! Lars Eidinger hatte die Kontrolle über seinen Degen verloren. Eine Zuschauerin in der ersten Reihe wurde getroffen. Die Aufführung wurde abgebrochen. Ein Fall von Überforderung? Ein Regieeffekt? Oder hat Lars Eidinger einfach nur zu viel Fontane gelesen?

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Gegeben wurde in der Berliner Schaubühne Shakespeares “Richard III.” mit Lars Eidinger in der Titelrolle. Ein Beziehungstat kann wohl ausgeschlossen werden, folgt man den Rezensionen. Ein Missgeschick, mehr nicht. Und reichlich Glück, denn die Dame wurde, folgt man den Verlautbarungen, nur leicht verletzt am Kopf. Und der Degenfechter entschuldigte sich auf der Stelle. Klarstellungen erübrigten sich wohl auch: Es war kein Regieexperiment!
Theodor Fontane hätte als Theaterkritiker viel zu schreiben gehabt nach diesem Abend. Hatte er nicht 1858 nach einer Aufführung des “Hamlet” in London ein Loblied auf das echte Fechten mit dem Schwert gesungen? Klar, ohne Blutvergießen! Und ohne unmittelbaren Gegner! Eigentlich eine Luftnummer! Aber eben nicht dieses womöglich auch noch rhythmisierte Bühnenspiel! Kein Hampelmann! Kein Firlefanz! Es lohnt sich, in Ehm Welks Sammlung aus dem Jahr 1948 nachzulesen, wie sich Fontane äußert:

Theodor Fontane, paar Jahre vor dem blöden Maleur mit dem Degen.
Foto: Elena Ternovaja

“Macduff eilt in das Gemach des Königs und findet ihn ermordet. Er stürzt auf die Bühne, ganz Entsetzen.” Der Kritiker konstatiert: “Kein Theaterentsetzen, kein Theaterlärm.” Und: “Das Geschrei so furchtbar wie die Tat.” Und Macduff “ficht mit dem Schwert um sich her, während er unablässig die Schläfer aus ihrer Ruhe schreit.” Anders als bei anderen Rezensionen des Meisters dürfte dies keine Anspielung auf Müdigkeit in der Zuschauerschaft gewesen sein. Es ist Nacht, als die Tat vollbracht. Alles erwacht. Es wird voll auf der Bühne. Von Verletzungen berichtet Fontane nicht. Völlig entfesselt, vollkommen enthemmt, muss der Schauspieler doch noch früh genug ein Ende gefunden haben.
Blutarmes Spiel verachtet Fontane. Bemühtes Deklamieren ist ihm ein Graus. Beherztheit ist auch noch zu wenig. Dass alles Agieren vor den Vorhängen bloß Bühnenspiel ist, sollen die Agierenden vergessen machen. Und doch wissen, was sie tun. Was sie lassen. Was der Dichter sie sagen lässt. Denn das steht fest. Impro ist nicht. Der Bühnenraum wird in der Regel nicht verlassen. Das bleibt späteren Generationen von Leitenden und Agierenden überlassen, Brecht sei Dank. Wie leicht sich diese Öffnung abnutzen konnte in gut hundert Jahren, wäre ein anderes Thema. Ebenso, ob es heutzutage Warnhinweise geben müsste bei offenen Formen. Etwa: “Vielleicht werden Sie heute Abend persönlich angesprochen.” Oder “berührt”? Schön überdeutig wäre “getroffen”. Bei der experimentierfreudigen Schaubühne hat man sicher eine originelle Idee für alle Fälle. “Publikumswarnung” taugte natürlich auch zum Stück wie einst die “Publikumsbeschimpfung” von Peter Handke. Aber ein Fontane würde da wohl wegbleiben.
Lars Eidingers Karriere dürfte nicht enden, nur weil er sich mal bisschen blöd angestellt hat mit dem Degen. Aber vielleicht verlegt der Gute sich doch wieder mehr aufs Wortgefecht. Dass die Gäste ihr Geld zurückbekamen nach Abbruch, ist nicht zu lesen gewesen.

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