“Stempeln oder Strippen?” – Himmelsgetöse und Herrennöte im Tempelgarten

Es hatte Unwetterwarnungen gegeben. Doch gerade zur “Ladies Night” passte ein verfinsterter Himmel und etwas Getöse. Nur Wolkenbrüche und Blitzeinschläge wären zu viel des Guten gewesen. Dass fast nur Frauen den Weg in den Tempelgarten wagten und die fetzige Fleischbeschauung als Gastspiel der Schlossfestspiele Ribbeck erlebten, liegt womöglich am Ruf der Bühnenkunst seit der Antike, den Menschen den Spiegel vorzuhalten. Aus Rücksicht auf zart Besaitete zeigen wir hier nur Vorzeigbares.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Zunächst geht es noch heftiger zu als in Auerbachs Keller, Goethes Versuch, in den “Faust” duch Männergelage und Mannsbildgerede etwas Derbheit und Verderbnis zu bringen. Vier vom Schicksal geschlagene junge Männer sind zu erleben. Es wird erstmal geschimpft und geflucht, gezürnt und gedürstet. Ein Männergemetzel musste vorausgegangen sein, ein Stück Fankultur, wie sie unter kopflosen Fußballfans schon vorgekommen sein soll im wilden Germanistan. Umso besser, dass es da noch für alle Fälle die eine unersetzbare und unerschütterbare junge Frau gibt, deren Wort etwas gilt.

Zwischen Enttäuschungsschmerz und Hoffnungsschimmer.

Man liest Stellenanzeigen in einem Provinzblatt. Durch eine Eingebung wie von Göttern der Unterwelt kommen Hoffnungsschimmer auf: Was, wenn sich das typverschiedene lebensgeplagte Männerquartett ins Showbusiness wagen würde und eine Fleischbeschauung für Frauen anböte? “Stempeln oder Strippen?”, wird zur Schicksalsfrage. 5000 zahlende Gäste sind Zielwert. Von der Hölle des Internet mit seinen Spielwiesen ist noch nicht die Rede. Im Tempelgarten fehlte an der 50 nicht viel. Doch die Veranstaltenden wirkten nicht unzufrieden, zumal die Versammelten sich bestens unterhalten zeigten, vielleicht gerade wegen der Durchschnittlichkeit der gebotenen Körperkultur. Wo war Heidi Klum?
Claus Stahnke, der im Zusammenspiel mit Marietta Grade für das Bühnenprojekt “Ladies Night” nach Stephen Sinclair und Anthony McCarten zuständig ist, gibt einen verruchten Herrn von Ribbeck. Er ist Fleisch und Schmuck gewordener Unternehmer in der Unterhaltungsbranche. Nur Zahlen zählen. Und damit die Show läuft wie ein Alternativprogramm zu allem Silbereisenschrott im Streamingfernsehen, müssen die vier Herren noch bisschen mehr bieten als bei den ersten Kostproben – jeder in seiner Charakterrolle.

Was tun, wenn es an vielem hapert, aber ein Hype lockt?

Richard Rabeus gibt einen bibelfesten wohlgenährten Christen mit besonderer Mutterbindung. Lucas Weißbach macht den fast verhungerten Rockmusiker mit großen Ambitionen und hammerharten Tönen. Als Zugabe Beziehungsstress. Karl Völker verdient sich Applaus und Gelächter durch gewagtes Outfit, geheimnisvolle Andeutungen und menschliche Schwächen, buchstäblich beim Sprechen. Nicolai Novikov hält, was sein Nachname verspricht. Althergebrachtes wäre ihm zu doof. Was diesem Wegesucher noch an Klarsicht fehlt, bringt Celina Schneider wie eine ziemlich beste Freundin der vier Mannsbilder ins Spiel. Ehrlich und unbestechlich. Aber zerbrechlich? Schließlich ist sie auch nur ein Mensch, keine Glücksfeh, keine Birnenfrau von Ribbeck. Von kühler analytischer Schärfe wäre zu sprechen angesichts eines Abends, an dem “heiß” das Zauberwort einiger Herren heißt.

Berny weiß, dass die Frauen so noch nicht verrückt werden…
Fotos: VHS

Hätte den Verfasser nicht irgendwann die Sorge um ein offenes Fenster in der Mietwohnung ergriffen, wäre auch noch vom Ausgang des überaus munteren Bühnenspiels zu berichten. Das Wort “Donnerwetter” fiel kurz vor der Pause. Der Himmel folgt dem Skript! Das dürfte es nur im Tempelgarten von Neuruppin geben mit seinem Apollotempel.
Der Verein Tempelgarten macht einfach einen guten Job, auch durch dieses unkonventionelle Programmangebot und die Durchhaltekraft bei Götterdonner. 2027 werde es bloß Effi Briest geben, auch in Neuruppin, das war vorab von Marietta Grade zu erfahren. Theodor Fontanes Roman hat seine Bühnenszenen und der Stoff seine Leidenschaft und reichlich Tragik. Man darf gespannt sein, was seitens der Schlossfestspiele Ribbeck der Schulpflichtlektüre entlockt werden kann an Bühnenkunst, Anmut, Aberwitz, Preußentristesse und Lustbarkeiten…

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