Sein Betragen sei “im ganzen gut” gewesen, sein Fleiß “genügend”. Wer alte Zeugnisse zu lesen weiß, zumal solche der Reife, ahnt, dass die Lehrkräfte am Friedrich-Wilhelms-Gymnasium zu Neuruppin einiges auszusetzen hatten an Kurt Gerstein. Seine eigentliche Reifeprüfung sollte allerdings erst Jahre später kommen. Es geht um Weltgeschichte. Um Weltliteratur geht es auch.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Wie im Falle des Lyrikers Georg Heym ist es die Laufbahn des Vaters, die den Sohn nach Neuruppin verschlägt. Ludwig Gerstein war ab 1921 Landgerichtspräsident in Neuruppin. Vier Jahre lebte Kurt hier, die letzten vier Schuljahre absolvierte er am Friedrich-Wilhelms-Gymnasium. Sein Prüfungsaufsatz sei “meist genügend”, weiß die Titelseite des Abgangszeugnisses von 1925. Ein Ausbildungs- und Berufsleben ohne Gleichen beginnt. Es führt in die Bergwelt, die Chemie wird wichtig und der christlich-protestantische Glaube. Schließlich die Politik. Im Mai 1933 tritt Kurt Gerstein in die NSDAP ein.

Abfotografiert aus Pierre Joffroy; Der Spion Gottes – Kurt Gerstein: Ein SS-Offizier im Widerstand?
Gersteins Bericht von der Massenvernichtung der Jüdinnen und Juden in Konzentrationslagern wie Belzec und Treblinka fällt in die letzten Kriegswochen. SS-Obersturmführer Gerstein ist da bereits in Haft. Er notiert, was er beobachtete: “Die Menschen warten in ihren Gaskammern.” Die deutsche Vergasertechnik funktoniert zunächst nicht so recht. Dann doch. Millionenfach. Schon 1942 hatte Gerstein versucht, den Apostolischen Nuntius in Berlin zu treffen, um dem Grauen, an dem er selbst aktiv und schuldhaft beteiligt war, ein Ende zu machen.
Im Drama “Der Stellvertreter” von Rolf Hochhuth wird Anfang der 60er-Jahre daraus eine Schlüsselszene. Nicht anders 2002 in der Filmwelt von Regisseur Costa-Gavras. 1965 erschien Hochhuths Drama in der DDR. 1966 folgte die erste Inszenierung am Deutschen Theater in Ost-Berlin. Die umfassende Untersuchung “Der Spion Gottes” von Pierre Joffroy erschien 1992 in Paris. Schon 1967 hatte Saul Friedländer die erste Fassung von “Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten” veröffentlicht, ebenfalls in Paris. An Material (auch auf Deutsch) ist also schon länger kein Mangel, aber weder diese Studien noch das Drama oder der Film können den Fall Gerstein wirklich zufriedenstellend erhellen, schon gar nicht im Hinblick auf die Jugendjahre.

Abfotografiert aus Pierre Joffroy; Der Spion Gottes – Kurt Gerstein: Ein SS-Offizier im Widerstand?
In Neuruppin las Gerstein Friedrich Nietzsche. Kleist steht auf der Liste des Studierten. Außerdem Shakespeare, Sophokles und Dostojewski. “Er hat Freud verschlungen”, weiß Joffroy. Ich-Stärke im Sinne Freuds ist daraus nicht erwachsen. Wie auch? Das Wort von der “Zwiespältigkeit” ist fast verharmlosend angesichts dieses Lebens. Er fliegt aus der NSDAP wegen gewisser christlicher Schriften für junge Leute. Er tut viel dafür, wieder aufgenommen zu werden. Es klappt. Später leitet der ehrgeizige Gerstein die Belieferung von KZs mit Zyklon B. Er wagt dann viel, damit die Massenvergasung aufhört. Noch bei Hochhuth wird die Biografie in kirchlich geprägtem Zusatzmaterial beschönigt. Noch in einer Neuausgabe von 2021 wird selbst der kluge Theaterkritiker Simon Strauß dem von Turbulenzen geprägten Fall kaum gerecht.
Ob es in Neuruppin noch Unterlagen, Dokumente, Spuren gibt aus jenen Jahren von 1921 bis 1925, die weiterhelfen? Vier Jahre sind nicht viel. Rund 1500 Tage sind nicht wenig. Münster, Saarbrücken, Halberstadt hat der 16jahrige Adoleszent schon hinter sich, als man in Neuruppin sesshaft wird. 1919 ist der Vater von den Franzosen aus dem Saargebiet ausgewiesen worden. Väterliche Strenge soll klar über die mütterliche Liebe dominiert haben. Das Verlierergefühl soll ab 1918 bis in die Familie hineingewirkt haben. Die Biografen sehen übertriebenes Geltungbedürfnis bei Kurt. Vom ewigen Ringen um Anerkennung ist die Rede. Gerstein wird selbst Ehemann, wird Vater. Der Film zeigt die Hollywoodversion mit Musik, Pathos und Möbelstil. Hochhuth lässt Gerstein rhetorisch glänzen. Sogar rhythmisch. Die vier Jahre wären Stoff genug für ein Jugendstück, das vor den Dilemmata nicht haltmacht und seinen Dilettantismus zeigt. Gersteins Schrift zur moralischen Festigung junger Menschen ist erhalten geblieben. Im Sexuellen wähnt er Gefahren ohne Ende.
Im Jahr 1942 war es, so die Studien, so die Werke, die Vision Gersteins, es gäbe ein Aufbegehren in der Bevölkerung gegen Hitler und Konsorten, wenn die Alliierten Flugbätter abwürfen, die von der begonnenen Massenvernichtung berichteten. Mit einem Sturm der Begeisterung im deutschen Volk rechnete er nicht. Doch weder in der Berliner Nuntiatur noch im Vatikan nahm sich jemand des Anliegens an, schon gar nicht Papst Pius XII. selbst. Die Weltgeschichte hätte anders weitergeschrieben werden können, das weiß man schon lange. Gersteins Feder wurde bereits in Neuruppin gespitzt. Man denke nur an Nietzsches “tollen Menschen”. Musste ein neuer Gott her? Der Aufnahmeantrag in die NSDAP wurde, bildlich gesprochen, auch mit dieser Feder ausgefüllt. Ebenso die letzen notierten Worte vor seinem Ableben in einem Pariser Gefängnis, amtlich: Suizid, datiert. 25. Juli 1945. Umstritten. Wohl unauflösbar.
Grund genug, 2025 in Neuruppin dieses Mannes und seines unfassbaren Lebens zu gedenken? 100 Jahre Abitur? Wahrhaftige Auseinandersetzung braucht eigentlich kein Datum. Man weiß ja von Goethe: “Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss…”

