Christiane Schulze, Jakob Rihn und Dörte Simon-Rihn vor der Veranstaltung.
Eine Städtepartnerschaft zwischen Neuruppin und Kobane? Eine Verbindung zwischen Brandenburg und Rojava, dem Selbstverwaltungsgebiet in Nord- und Ostsyrien? Beim Politischen Salon im Cafe Hinterhof dominierten nicht diese utopisch anmutenden Phantasien. Aber Dörte Simon-Rihn und Jakob Rihn öffneten den Blick auch für eine enthusiastiche Fortsetzung der Erfolgsgeschichte, gerade weil die Konfliktlage außerordentlich komplex ist und die derzeitige Situation eher zu Pessimismus Anlass geben könnte.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
“Durchs wilde Kurdistan” titelte Karl May 1892. Einen Staat dieses Namens gab es damals nicht. Die jüngste Entwicklung in dem nur grob umreißbaren Gebiet der Kurdinnen und Kurden ist mit den Verhältnissen in Syrien, in der Türkei, im Iran und im Irak eng verwoben. Stoff für ein mehrtägiges politisches Bildungsseminar mit offenem Ausgang.
Beim Politischen Salon, zu dem Christiane Schulz und Otto Wynen wieder in das renovierte Cafe Hinterhof eingeladen hatten, legte man den Schwerpunkt auf Rojava, das relativ autonome Gebiet in Syrien. Der Neuruppiner Jakob Rihn, von Beruf Physiotherapeut, konnte von seinen Erfahrungen und Eindrücken berichten. Bis zu einer Verletzung am Tisrin-Damm durch eine Drohne war er zwei Jahre lang aktiv in Rojava. Seine Erlebnisse und die Nachrichten von Schritten zur Gleichberechtigung der Geschlechter motivierten seine Mutter Dörte Simon-Rihn zu einer Reise in die Region im Jahr 2025.
Das Assad-Regime wurde im Dezember 2024 gestürzt. Mutter und Sohn waren also irgendwie mittendrin, er länger, sie kürzer, als sich auch die Frage stellte, wie sich die neuen Machthaber um den ehemaligen Dschihadisten al-Scharaa im Fall der kurdischen Selbstbestimmung positionieren würden. Die Antwort steht aus.

Die Schilderungen von Dörte Simon-Rihn galten primär den Eindrücken vom Ringen um Gleichstellung der Frauen und um religiöse Toleranz, um verantwortete Selbstbestimmung und das Experiment mit neuen Formen örtlicher und regionaler Selbstorganisation. Einige Prinzipen ließen an die Gründungsjahre der “Grünen” in der Bonner Republik denken.
Die Neuruppinerin zeigte sich beeindruckt von dem Erreichten, äußerte aber auch ihre Sorge um die Fortentwicklung. In einer zweisprachig angelegten Broschüre mit dem Titel “Hoffnung” (Hêvî ) hat sie viele Aspekte ihrer Reise festhalten können. Beim Verein “Familien für den Frieden” ist noch mehr zu erfahren, auch im Hinblick auf die Möglichkeiten der Unterstützung. “Am Brunnen vor dem Tore” von Wilhelm Müller schlängelt sich durch die Seiten. Franz Schubert gibt den nötigen Schwung zur Menschenliebe ohne Vorbehalt.

Fotos: VHS
Jakob Rihn indessen legte den Schwerpunkt auf Konfliktanalyse, besonders im Hinblick auf die Entwicklung seit Dezember 2024, beantwortete aber auch Fragen zum Umgang mit dem IS nach dessen Niederwerfung. Außerdem ging es aufgrund von Nachfragen um die Finanzierung von Projekten, Stichwort Erdöl, um die Sprachlandschaft der Region und seine eigenen Erfahrungen vor Ort. Rihn erinnerte an Positionen und Entscheidungen der kurdischen Partei PKK. Dabei wurde auch der schon lange in der Türkei inhaftierte Abdullah Öcalan einbezogen. Die Frage, welche Bedeutung die Annäherung der syrischen Übergangsregierung und der demokratischen kurdischen Kräfte Anfang dieses Jahres für das Projekt Rojava haben wird, prägt die unterschiedlichsten Kommentare in diesen Tagen im Internet. Ebenso die Frage nach der Positionierung der EU und der NATO. Die Interessenlage der autokratisch regierten Türkei ist dabei von Bedeutung, ebenso die Tatsache, dass die Politik der USA derzeit Iran fokussiert, aber damit natürlich auch alles, was Syrien bewegt, berührt.
Nach fast zwei Stunden ging man auseinander, ausgestattet mit allerlei Informationsmaterial und mit “Hoffnung” in der Hand. Wäre die schön gestaltete Broschüre schon vorher Thema gewesen, hätte man noch ein großes Thema gehabt. In Rojava seien die am Befreiungsprozess Beteiligten, vorneweg die Frauen, “eine lernende Gesellschaft” geblieben. Und im eigenen Land? Lernmüdigkeit allüberall? Ein gewisser Harald Martenstein, als Kolumnist abgestiegen von der “Zeit” zur “Bild”, hat gerade in der Hansestadt Hamburg eine Lektion über Freiheitsdrang und AfD-Verbotslust gehalten. Nächstes Thema? “Lernen mit Links?”
