Demokratie kann so schön bunt sein
Aus alten Wahlplakaten werden Kunstwerke: Mehr als 50 Neuruppinerinnen und Neuruppiner haben sich an einem außergewöhnlichen Mitmach-Projekt beteiligt. Die Ergebnisse sind jetzt im Tempelgarten als Freiluftgalerie zu sehen.
Von Otto Wynen
Wir haben es schon oft erwähnt und wir werden es immer wieder betonen: was wäre Neuruppin ohne die Kunst?! Ohne seine Künstler und ohne seine Künstlerinnen? Die Antwort: Vermutlich zwar ein schönes, aber doch eher langweiliges Provinzstädtchen.
Wir können bei Gelegenheit gerne mal zu ergründen versuchen, wie aus der einstigen Beamtenstadt so eine quirlige und quietschlebendige Kulturstadt wurde. Voraussehbar war das nicht.
Für den Moment muss es uns auch nicht interessieren. Für den Moment schlage ich vor, sich einfach mal wieder in den Tempelgarten zu begeben. Sie hätten noch rund 14 Tage Zeit, dort zu betrachten, was Neuruppinerinnen und Neuruppiner fast jeden Alters zu Papier gebracht haben. Papier? Nun ja, richtiger: zu Pappe gebracht haben. Denn es war eine pfiffige Idee von Uschi Jung, Geli Schulze und Franziska Zänker, die ausrangierten Wahlplakate vergangener Wahlkämpfe umzufunktionieren und für die Malerei zu nutzen. Sie sind, sagen sie, eine ideale Unterlage für die bunten Kunstwerke. Normalerweise landen sie auf dem Müll.

Und so wurde an vielen Orten in Neuruppin, in den Schulen und in Ateliers, in Wohnungen, in der Kunstschule und am Kunstpavillon neben der Kulturkirche „gepinselt“ und gemalt. Unermüdlich und mit immer wachsender Begeisterung und Leidenschaft. Weit über 50 Kunstwerke sind so seit März dieses Jahres entstanden. Seit Pfingsten kann man die Bilder im Kunstkiosk sehen und seit heute eben auch im Tempelgarten. Was allerdings – das nur am Rande bemerkt – einiges an organisatorischer Finesse verlangte. Sei´s drum. Der Tempelgarten ist jetzt eine Freiluftgalerie – und Neuruppin temporär um eine Attraktion reicher.

Den Künstlerinnen geht es bei ihrer Aktion, das machen sie sehr deutlich, nicht nur um ein schönes Kunsterlebnis. Für sie ist vor allem wichtig, dass dieses Kunstprojekt ein „Mitmach-Projekt“, ein Partizipationsprojekt ist. Geli Schulze sagt explizit: ein demokratisches Kunstprojekt. Man spürt, dieser Gedanke liegt ihr und ihren Mitstreiterinnen am Herzen. Damit bieten sie den NeuruppinerInnen und Neuruppinern die Gelegenheit, einem Publikum zu zeigen, was in ihnen steckt. Und zugleich damit auch die Stadt selbst ein Stück zu gestalten. Auf diese Weise schafft man ganz praktisch die vielbeschworene Identifizierung oder Identifikation.

Fotos Otto Wynen
Kunst ist Experiment. Kunst ist Bewegung. Kunst ist Werden. Und mit dem Engagement der Neuruppiner Künstlerinnen wird diese Stadt wieder bunter, wieder phantasievoller und ja, auch demokratischer.
