Eindruck vom Tatort an der Schinkelstraße am Sonntagmorgen.
Am Sonntagmorgen bot sich Fußgängerinnen und Radfahrern auf der Schinkelstraße, Höhe ehemalige Bushaltestelle, ein Bild der Zerstörung. Schon kurz darauf kursierte im Internet die Meldung, der in einem der Bushaltehäuschen seit einigen Wochen Unterschlupf suchende Obdachlose sei in der Nacht verletzt worden. Sein Hab und Gut sei bald darauf abgefackelt worden. Von übereinstimmender Täterschaft war nicht die Rede. Dem Aufruf zu einer Spontankundgebung aus Sorge um das Opfer und die hier wirkenden Kräfte folgten am Ende mehr als 80 Menschen.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Das Aktionsbündnis “Neuruppin bleibt bunt” und das Jugendwohnprojekt “Mittendrin” hatten zur Kundgebung aufgerufen. Martin Osinski machte schon bei der Begrüßung klar, dass der Fall keineswegs geklärt sei, was die polizeilichen Ermittlungen anbelangt. Ebenso die Vorgeschichte. Wolfgang Freese griff am Ende als Bürger auf einen Artikel aus einer Lokalzeitung zurück, um die Komplexität des Falles des 39jährigen Benni und der Vorgänge am Ort der Versammlung zu verdeutlichen. Diesen beiden Hinweisen folgend, wird im Weiteren nicht auf die knallharte Kapitalismusanalyse und die Parolen gegen den Faschismus, auch gegen den drohenden, eingegangen. Die Alternative wäre ein persönlicher Berichtsverzicht. Die Stichworte mögen reichen.
Zwei recht junge Anwesende erzählten kurz von eigenen Erfahrungen der Obdachlosigkeit. Was zuvor schon über den Anspruch auf menschliche Würde gesagt worden war und über das Recht auf Behausung, wurde dadurch ganz konkret. Und der eine junge Mann appellierte: “Schaut den Menschen in die Augen, wenn ihr mit Obdachlosen zu tun habt.” Otto Wynen scheute sich nicht, seine Gewissenslast zu offenbaren. Als Passant, der täglich dort des Wegs kommt, habe er sich immer wieder gefragt, ob er Kontakt suchen sollte. Und wenn ja, was wohl an Hilfe möglich und sinnvoll wäre. Leider habe er den Fremden nicht angesprochen. Es war zu spüren, dass er vielen aus der Seele sprach. Ein Dilemma. Welche Hilfen nach der Entlassung des Überfallenen aus dem Krankenhaus möglich sein könnten, auch rein materiell, war noch nicht Thema. Aber, so Martin Osinski, man werde sich damit befassen. Und mit dem institutionellen Gefüge in der Stadt und im Landkreis auch.

Fotos: VHS
In einem zweiten kurzen Beitrag wies Otto Wynen darauf hin, dass es derzeit einen weiteren Fall von lange andauernder Obdachlosigkeit gebe in der Stadt. Was er zuvor schon über die Gefahr, als übergriffig zu gelten bei direkter Ansprache, gesagt hatte, könnte in dem Fall noch mehr Gewicht bekommen, da es um eine Frau geht, die selbst von sich aus niemanden anspricht im Umfeld ihrer Notzuflucht.
Viel Beifall fand der mehrfach geäußerte Vorschlag, den Bereich sozialer Wohn- und Lebensprojekte auszubauen und früher tätig zu werden. Vorurteilslos und vorbehaltlos. Jenen Benni, der als schwierig gilt, einmal selbst darüber sprechen zu hören in Neuruppin und dabei genau zuzuhören und seinen Fall nicht zu instrumentalisieren – welch eine Vision von Gemeinsinn, Menschenwürde und Lebensbejahung!







