Phantasie an die Macht

Kann Kunst helfen, eine gespaltene Gesellschaft wieder zusammenzubringen? Beim Kulturstammtisch im Tempelgarten wurde genau darüber diskutiert. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie öffentliche Räume zu Orten der Begegnung werden können – und warum jede und jeder Einzelne daran mitwirken kann.

Von Otto Wynen

Jedes Dorf ist ein Kunstwerk. Jede Stadt ist ein Kunstwerk. Jeder Mensch ist ein Künstler. Lang, lang ist es her, seit Joseph Beuys, einmal einer der bedeutendsten und provokativsten Künstler, diesen Satz geprägt hat. Und vor allem eins geerntet hat: Spott und Widerspruch.
Aber Beuys war nicht nur Provokateur, er war auch ein Visionär.
Mit dem Künstler Mensch meinte er nicht den Maler, Bildhauer oder Musiker, sondern alle Menschen, die an einer Gemeinschaft arbeiten. Die das Zusammenleben gestalten und formen.
Ein Gedanke, der heute so aktuell ist wie vor 50 Jahren. Heute vielleicht sogar aktueller denn je. Eine immer weiter perfektionierte Technik entmündigt uns Menschen und wir lassen es willig geschehen. Mehr als das: Wir unterwerfen uns den neuen Technologien mit größter Freude. Mit Spaß. Wir – so lautete Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts der Titel eines wahrlich vorausschauenden Buches – amüsieren uns zu Tode.
Und zugleich verheddern wir uns in scheinbar endlose Streitereien. Unsere Gesellschaft ist inzwischen tief gespalten. In vielen politischen Fragen stehen sich Lager unversöhnlich gegenüber. Manchmal auch gleichgültig, in extremen Fällen feindselig. Es scheint etwas falsch gelaufen zu sein; irgendwo sind wir alle vielleicht falsch abgebogen. In eine Sackgasse.
Wer oder was da raushelfen könnte, darum ging es am Mittwochabend im Tempelgarten. Beim Kulturstammtisch. Da allerdings ganz ohne theoretische Höhenflüge oder Spekulationen. Es war eine handfeste Diskussion über die Frage, was die Kunst, was die Künstler und Kulturschaffenden dazu beitragen können, der allseits und allzeit spürbaren gesellschaftlichen Spaltung etwas entgegenzusetzen. Zugegeben, ein weites Feld (ein in Neuruppin unvermeidlicher Zitatbrocken).
Und siehe da: es schälte sich schon bald eine zentrale Problematik heraus, indem man konstatierte, dass die derzeitige politische Misere vor allem eine Misere nicht gut gelingenden Zusammenlebens ist. Aber auch ein möglicher Lösungsansatz war bald im Gespräch, nämlich der schöpferische Umgang mit dem öffentlichen Raum.

Ort für spielerisches Zusammensein
Das Volleyballfeld auf dem Braschplatz
Foto: VHS

Neuruppin hat viel Platz, viele und große Plätze. Manche meinen sogar, zu große Plätze. Was aber trotz der Weite fehlt, sind erstaunlicherweise Orte der Begegnung.
So wurden die Fragen im Laufe der Diskussion konkreter: wie können wir solche Orte der Begegnung, des Miteinanders, der Gemeinsamkeiten schaffen? Orte, an denen wir zugleich all unsere Eigenheiten und Unterschiedlichkeiten zeigen und trotzdem zueinanderfinden können. Und trotzdem eine Gemeinschaft bilden.
Das klingt – zugegeben – noch alles etwas theoretisch. Aber die Aufgabe, die Herausforderung wurde klar: Es braucht diese Orte. Jetzt kommt es darauf an, gemeinsam Ideen zu entwickeln, wo diese Orte sein und wie sie gestaltet werden könnten und was dort passieren könnte. Ehrlich gesagt: eine Mammutaufgabe. Ein geradezu mustergültiges Beispiel hat die Stadt gerade selbst geschaffen: mit einem temporären Beachvolleyballfeld auf dem Braschplatz. Dieser Ort ist eine Attraktion und ein Wunder des gelassenen Miteinanders.
Neuruppin wäre nicht Neuruppin, wäre nicht die vielzitierte Kulturstadt, wenn die Bewohner die Stadt nicht in ein Ideenreich und Phantasiereich zu verwandeln wüssten.
Die Herausforderung heißt seit jeher: Phantasie an die Macht.
Jeder Mensch ist ein Künstler.

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