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Eine Frage vorweg: Muss man darüber nachdenken, wenn ein paar Leute miteinander reden? Die Antwort lautet selbstverständlich: Nein. Muss man nicht. Es ist ja das natürlichste der Welt. Man trifft sich, man kennt sich (meistens) und man spricht miteinander. Mal ist es ein kurzes Schwätzchen beim Einkauf oder vor der Haustüre, mal eine etwas längere Plauderei bei einer Tasse Kaffee, einem Glas Wein oder weiß Gott was für einem Getränk. Und dann spricht man eben. Hochtrabend kann man es getrost einen Gedankenaustausch nennen. Aber, wer will das schon. Zeitvertreib dürfte die Sache eher treffen.
Von Otto Wynen
Nun gut: also nochmal die Frage: ist so ein Gespräch bedenkens-wert?
Sie ahnen, dass meine Antwort „Ja“ lautet. Ja, unbedingt.
Und warum?
Vielleicht weil wir zu viel reden?Halten wir doch für einen Moment inne und hören uns zu. Worüber reden wir? Lassen wir mal Steuererklärungen, Autos (immer noch ein pures Männerthema) und Urlaub beiseite. Bleibt zunächst das Aufregerthema Nummer eins: die Politik. Da können alle mitreden. Jeder und jede hat irgendeine Talkshow gesehen, eine Nachrichtensendung, eine Reportage. Merz, Spahn, Klingbeil, Bas, Kubicki, manchmal sogar noch Habeck. Wenn man diesem Gerede noch etwas Gutes abgewinnen will, stuft man es als Meinungsbildung ein. Aber ist es das tatsächlich? Das endlose Wiederkäuen irgendwelcher Parolen, Schlagzeilen und Schlagworte.

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Selbst wenn ich bei meinen Überlegungen das algorithmengesteuerte Hysterie-Medium Internet außen vor lasse, werden wir täglich von einem Informations-Tsunami überrollt, dem wir – mehr oder weniger – schutzlos ausgeliefert sind. Aber statt uns davor in Sicherheit zu bringen, greifen wir uns lustvoll das beliebige verbale Schwemmgut aus den Informationsfluten und basteln daraus unsere politischen Weltbilder. Wir sind Zaungäste eines Weltgeschehens, das wir endlos kommentieren, ohne es je zu verstehen oder es zu verändern. Trotzdem, ja, trotzdem, ich gestehe, sind auch diese Gespräche vermutlich wichtig: als Ventile für den emotionalen Überdruck, den die Nachrichten erzeugen. Einen Erkenntnisgewinn sehe oder höre ich selten.
Wir leben eben in einer sogenannten Informationsgesellschaft, die keine Orientierung mehr bietet, sondern nur noch für tägliche Aufregungen sorgt.
Gibt es überhaupt noch etwas anderes als Information?
Ja, und das ist die wirklich gute Nachricht: es gibt etwas, auf das wir alle Zugriff haben. Es gibt unsere unmittelbare Erfahrungswelt. Mit einem Vorvorgestern, einem Gestern und Morgen. Zeiten, die wir sinnvoll zusammenfügen, zu einer großen Erzählung.
Wir sind, wenn wir es nur zu gestalten wissen, eine Erzählgemeinschaft. Eine Erzählgemeinschaft, zwar ohne Lagerfeuer (ja, das wär´s), aber mit Witz und Phantasie, beglaubigt durch unsere eigenen Biographien. Das sind die bereichernden Gespräche, die wir führen (können). Es sind sinnstiftende Gespräche, die uns helfen, uns im Tohuwabohu der Gegenwart zu orientieren.
Vertrauen wir unserer eigenen Geschichte. Erzählen wir sie. Immer und immer wieder.

Vielen Dank für den Beitrag und den Denkanstoß. Ergänzen würde ich gerne einen Verweis auf die Bedeutung des Zuhörens. Erzählen und Zuhören sind keine Gegensätze. Im Gegenteil. Gutes Erzählen setzt gutes Zuhören voraus. Wer nur erzählt, produziert Monologe. Erst im Zuhören entsteht ein Gespräch. Und erst im Gespräch entsteht die Möglichkeit, die eigene Sichtweise zu erweitern.
Gerade bei politischen Themen wird das wichtig. In die Kommentierung des Weltgeschehens fließen unweigerlich die Erfahrungen der eigenen Perönlichkeit ein. Die Welt ist heute so komplex geworden, dass niemand mehr den Überblick haben kann. Wir alle greifen zwangsläufig zu Ausschnitten der Wirklichkeit und versuchen diese zu kommentieren, interpretieren und zu deuten. Die Nachrichten liefern Bruchstücke, soziale Medien liefern Aufregungen, Algorithmen liefern Bestätigungen. Umso wichtiger wird der Austausch eigener Erfahrungen. Nicht als Ersatz für politische Information, sondern als deren notwendige Ergänzung.
Denn Demokratie lebt nicht davon, dass alle dieselbe Meinung haben. Sie lebt davon, dass Menschen bereit sind, die Erfahrungen anderer ernst zu nehmen. Vielleicht beginnt politisches Verstehen genau dort, wo man für einen Moment aufhört zu argumentieren und anfängt zuzuhören – auch sich selbst.