Wohlstand sichern und das Klima schützen – geht beides gleichzeitig?

Zur Strategie von Klima und Alltag in Neuruppin

Wie kann eine Gesellschaft Wohlstand sichern und gleichzeitig ihre natürlichen Lebensgrundlagen bewahren? Der Verein „Klima und Alltag“ aus Neuruppin plädiert dafür, Lösungen mit Veränderungen im Lebensstil und einem neuen Verständnis von Wohlstand zu verbinden.

Pressemitteilung von Klima und Alltag

Auch in einer Stadt wie Neuruppin wird sichtbar, wie stark Fragen von Klimaschutz, Energie und Lebensqualität miteinander verbunden sind. Es gibt allgemein einen Zielkonflikt zwischen dem Wunsch nach wirtschaftlicher Stabilität und Wohlstand auf der einen Seite und dem notwendigen ökologischen Umbau auf der anderen, um einer drohenden Klimakatastrophe und dem Verschwinden vieler Arten entgegenzuwirken.
Bei politischen Debatten und Wahlen, etwa zuletzt auch in Baden-Württemberg, wurde deutlich, wie stark dieser Konflikt auch politisch wirkt. Die beiden großen Parteien, CDU und Grüne, lagen bei den Stimmen relativ nahe beieinander. Auch wenn Cem Özdemir mit seiner Persönlichkeit wesentlich zum Wahlerfolg beigetragen hat, zeigt sich darin doch, dass sich die politischen Botschaften der Parteien in einem wichtigen Punkt ähneln: Beide versuchen, die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger um Arbeitsplätze, Wohlstand und soziale Sicherheit ernst zu nehmen.
Politisch ist das nachvollziehbar. Mit der Botschaft „Wir müssen uns einschränken“ lassen sich nur schwer Wahlen gewinnen. Deshalb betonen Parteien häufig Innovation, technische Lösungen und wirtschaftliche Chancen der Transformation.

Viele Klimaforscher weisen allerdings darauf hin, dass dauerhaftes Wirtschaftswachstum, selbst mit neuen Technologien wie Elektromobilität, Wasserstoff oder erneuerbaren Energien, den Ressourcenverbrauch allein nicht ausreichend begrenzen wird. Selbst wenn die Produktion klimafreundlicher wird, kann der Gesamtverbrauch an Energie und Rohstoffen weiter steigen. Hinzu kommt, dass Menschen im globalen Süden berechtigterweise ihren Lebensstandard erhöhen wollen, während die reichen Länder ihren Ressourcenverbrauch bisher kaum senken.
Damit stehen sich zwei grundlegende Perspektiven gegenüber: die Idee des Wachstums mit Wind- und Solarenergie (Green-Growth-Perspektive) und die Vorstellung einer Postwachstumsökonomie (Degrowth-Perspektive). Die zentrale Frage lautet: Kann eine klimaneutrale Wirtschaft den bisherigen Wohlstand erhalten oder müssen reiche Gesellschaften ihren materiellen Konsum tatsächlich reduzieren und ärmeren Ländern mehr Entwicklungsspielräume ermöglichen?
Fast alle Menschen befinden sich in einem Spannungsfeld. Sie akzeptieren wissenschaftlich, dass Klimaschutz notwendig ist, möchten aber gleichzeitig ihren Lebensstandard, ihre Mobilität und ihre Arbeitsplätze behalten. In der Sozialpsychologie nennt man das kognitive Dissonanz. Hinzu kommt, dass Menschen Verluste etwa doppelt so stark empfinden wie gleich große Gewinne. Arbeitsplatzverluste gefährden nicht nur Einkommen und Status, sondern oft auch die eigene Identität und werden daher emotional stark abgewehrt.
Viele klimarelevante Handlungen sind zudem tief in Routinen eingebettet: Auto fahren, in den Urlaub fliegen, bestimmte Ernährungsweisen oder Konsumgewohnheiten. Kritik daran wird häufig abgewehrt: „Ich trenne Müll, also darf ich auch fliegen.“ Solche Routinen lassen sich nur schwer verändern, selbst wenn Menschen wissen, dass sie problematisch sind.
Vor diesem Hintergrund erscheint eine pragmatische politische Strategie verständlich. Wenn man politisch wirksam sein will, ist eine Realpolitik, wie sie etwa von vielen Grünen oder auch von konservativen Parteien vertreten wird, naheliegend. Man könnte in den Begriffen von Max Weber von einer Politik der Verantwortung sprechen, die Folgen, Mehrheiten und gesellschaftliche Stabilität im Blick behält.
Die Perspektive vieler Mitglieder von Klima und Alltag ist jedoch eine etwas andere. Als zivilgesellschaftlicher Verein stehen wir nicht im Wettbewerb um Wählerstimmen. Deshalb können wir auch Fragen stellen und Impulse geben, die politisch noch nicht mehrheitsfähig sind.

Aus alt wird neu
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Aus unserer Sicht wird es langfristig nicht ausreichen, nur die Technologien zu verändern. Ebenso wichtig ist eine Veränderung von Konsumgewohnheiten und Lebensstilen. Dabei geht es nicht darum, Menschen moralisch zu belehren oder ihnen Lebensfreude zu nehmen. Es geht vielmehr darum, ehrlich darüber zu sprechen, dass eine dauerhaft nachhaltige Wirtschaftsweise auch Veränderungen im Umgang mit Ressourcen erfordert.
Daher möchten wir den Begriff von Wohlstand weiterentwickeln. Wohlstand bedeutet nicht nur mehr Konsum, mehr Autos, mehr Wohnfläche oder mehr Fernreisen. Viele Menschen verbinden mit einem guten Leben auch andere Dinge: Sicherheit, Gesundheit, Zeit, soziale Beziehungen, funktionierende öffentliche Infrastruktur und intakte Natur. Wenn Begrenzungen nicht als bloßer Verzicht erscheinen, sondern als Gewinn an Lebensqualität erfahrbar werden, werden sie eher akzeptiert.
An diesem Punkt können wir auch von spirituellen Traditionen und ihrer Gesinnungsethik lernen. Viele Religionen kennen Vorstellungen wie Genügsamkeit, Maßhalten oder freiwillige Einfachheit. Im Buddhismus wird Begierde als eine zentrale Ursache menschlichen Leidens beschrieben. Im Christentum gibt es lange Traditionen der Bescheidenheit und der Kritik an übermäßigem Reichtum. Spirituelle Traditionen betonen Werte, die nicht materiell sind: Sinn, Achtsamkeit, Dankbarkeit und die Beziehung zur Natur.
Solche Perspektiven können eine wichtige kulturelle Ergänzung zu politischen und technologischen Lösungen sein. Politik kann Regeln verändern, Religionen und kulturelle Traditionen können Werte und Lebenshaltungen beeinflussen.
Hinzu kommt eine zweite Dimension des Problems: die Frage der sozialen Gerechtigkeit. Klimapolitik wird nur dann dauerhaft akzeptiert werden, wenn sie als fair empfunden wird. Viele Menschen wehren sich nicht gegen Klimaschutz an sich, sondern gegen die Sorge, dass sie selbst die Kosten tragen müssen, während Vermögende weitermachen können wie bisher.
Deshalb ist ein weiterer Baustein entscheidend: weniger klimaschädlicher Luxusverbrauch im oberen Bereich der Gesellschaft und gleichzeitig mehr soziale Sicherheit für breite Bevölkerungsschichten. Dazu gehören eine verlässliche Grundversorgung, gute öffentliche Dienstleistungen, bezahlbares Wohnen und funktionierende Mobilität. Dann wird Reduktion nicht als allgemeine Askese erlebt, sondern als Teil eines gerechten Umbaus.
Als Verein können wir versuchen, diese unterschiedlichen Perspektiven praktisch zusammenzuführen. Wir arbeiten dabei ganz bewusst auf der lokalen Ebene. Gerade Städte wie Neuruppin bieten die Chance, Veränderungen konkret erlebbar zu machen. Auf unserem nächsten Strategietag wollen wir daher das Thema Wohnen und Bauen für die kommenden Tage der Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellen. Fragen des nachhaltigen Wohnens, der Energieversorgung, der Mobilität oder auch gemeinschaftlicher Wohnformen sind hier keine abstrakten Debatten, sondern betreffen den Alltag vieler Menschen ganz unmittelbar.
Wenn in einer Stadt sichtbar wird, dass Gebäude energieeffizient saniert werden, dass neue Wohnformen entstehen oder dass Wege kürzer und Mobilität einfacher werden, verändert sich auch die Wahrnehmung von Klimaschutz. Er erscheint dann nicht mehr als moralischer Appell, sondern als praktischer Gewinn an Lebensqualität.
Parteien müssen Mehrheiten organisieren und politische Kompromisse schließen. Zivilgesellschaftliche Gruppen können dagegen Fragen stellen, neue Ideen ausprobieren und Impulse geben. Städte wie Neuruppin können so zu Orten werden, an denen sichtbar wird, dass ein gutes Leben auch mit weniger Ressourcenverbrauch möglich ist. Wenn solche Erfahrungen wachsen, können sie langfristig auch das Verständnis von Wohlstand in der Gesellschaft verändern.

Wilfried Silbernagel 21.3.2026

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