Klimaschutz braucht eine soziale Perspektive

Wie lässt sich die Erderwärmung begrenzen, ohne soziale Gegensätze zu verschärfen? Der Soziologe Sighard Neckel plädiert für einen grundlegenden Umbau der öffentlichen Versorgung. Seine These: Klimaschutz gewinnt Unterstützung, wenn er den Alltag der Menschen verbessert.

Von macron

Hitzewellen, Waldbrände, schmelzende Gletscher, Verlust der Biomasse: Für Sighard Neckel sind die ökologischen Zerstörungen Ausdruck einer tiefgreifenden Gesellschaftskrise. In seinem Essay „Katastrophe ohne Ausweg?“ untersucht er, warum wirksamer Klimaschutz trotz wissenschaftlicher Warnungen so schwer durchzusetzen ist – und wo politische Handlungsmöglichkeiten liegen.
Neckel spricht bewusst von einer „Katastrophenzeit“. Eine Krise, so seine Begründung, werde gewöhnlich als vorübergehende Störung verstanden. Der Klimawandel könne dagegen Entwicklungen auslösen, deren Folgen über menschliche Zeiträume hinweg unumkehrbar seien. Bedroht seien damit die natürlichen Grundlagen gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Die Ursachen sieht der Autor wesentlich in einer Wirtschaftsordnung, die Gewinnsteigerung, wachsenden Konsum und Ressourcenverbrauch miteinander verbindet. Auch Staaten und Beschäftigte seien von wirtschaftlichem Wachstum abhängig. Daraus entstehe ein grundlegender Widerspruch: Gesellschaften müssten ihre Wirtschaftsweise und ihren Alltag schnell verändern, während starke Interessen und gewachsene Abhängigkeiten genau diese Veränderungen erschwerten.
Jahrzehntelange Versäumnisse haben nach Neckels Analyse den Handlungsspielraum so weit verengt, dass nun tiefgreifende Veränderungen in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen gleichzeitig notwendig werden. Gerade darin liege die besondere Schwierigkeit: Der Kapitalismus präge nicht nur die Wirtschaft, sondern auch politische Entscheidungen, soziale Aufstiegschancen und Vorstellungen von einem gelungenen Leben. Staaten seien auf privatwirtschaftliche Erträge angewiesen, Beschäftigte auf Wachstum und Einkommen, gesellschaftliche Anerkennung werde vielfach am Konsum gemessen. Damit seien Naturverbrauch und Emissionen tief im Alltag verankert. Wirtschaft, Politik, Infrastruktur und Lebensführung müssten deshalb innerhalb kurzer Zeit grundlegend umgestaltet werden – ein Umbruch, dessen Umfang und Tempo historisch ohne Vorbild seien und der kaum ohne erhebliche Konflikte und Verwerfungen gelingen könne. Neckel beschreibt damit einen bedrückenden Widerspruch: Je dringlicher der Wandel werde, desto deutlicher zeigten sich die gesellschaftlichen Strukturen, die ihn unwahrscheinlich machten.
Das Versprechen eines „grünen Kapitalismus“, Wachstum und Klimaschutz durch technische Innovationen und Marktinstrumente ausreichend miteinander zu versöhnen, hält Neckel für gescheitert. Zugleich warnt er vor einer Klimapolitik, die fossile Energie verteuert, ohne soziale Folgen aufzufangen. Wer Menschen mit geringem oder durchschnittlichem Einkommen überfordere, riskiere Widerstand gegen den Klimaschutz und einen weiteren Vertrauensverlust in die Demokratie.
Auch die Debatte über individuelle Lebensstile könne notwendige Bündnisse verhindern. Wenn nachhaltiger Konsum zum Statussymbol gut verdienender Bildungsschichten werde, fühlten sich andere bevormundet oder abgewertet. Der Streit über Ernährung, Urlaubsreisen und Mobilität verdecke dann die Frage, welche Bedingungen umweltverträgliches Handeln für alle überhaupt ermöglichen.

Wo private Gewinninteressen den notwendigen Umbau blockierten, müssten auch Eigentumsrechte begrenzt werden.
(Symbolbild) Image by andreas160578 from Pixabay

Neckels Gegenentwurf setzt deshalb bei der gesellschaftlichen Grundversorgung an: Strom, Wärme, Wasser, Wohnen und Mobilität sollen stärker am Gemeinwohl und an ökologischen Grenzen ausgerichtet werden. Öffentliche Unternehmen, kommunale Versorger und Bürgergenossenschaften könnten dabei eine tragende Rolle übernehmen. Wo private Gewinninteressen den notwendigen Umbau blockierten, müssten auch Eigentumsrechte begrenzt werden.
Entscheidend sei, dass die Menschen einen unmittelbaren Nutzen erfahren: durch zuverlässige und bezahlbare öffentliche Verkehrsmittel, eine klimafreundliche Wärmeversorgung oder gute öffentliche Einrichtungen. Gesellschaftlicher Wohlstand müsse sich stärker an gemeinsam nutzbaren Angeboten bemessen. Zur Finanzierung fordert Neckel eine stärkere Belastung wohlhabender Bevölkerungsgruppen, denen er eine besondere Verantwortung für Emissionen und Ressourcenverbrauch zuschreibt.
Für die kommunale Debatte in Neuruppin bietet dieser Ansatz einen konkreten Anknüpfungspunkt: Ein besseres Bahnangebot, eine bezahlbare Wärmeversorgung und gut erreichbare öffentliche Einrichtungen verbinden ökologische Ziele mit mehr Lebensqualität. Klimaschutz wird dadurch als Verbesserung des Alltags erfahrbar.
Trotz seiner düsteren Diagnose lehnt Neckel Resignation ebenso ab wie blindes Vertrauen auf künftige technische Lösungen. Er setzt auf politisch durchsetzbare Schritte, die Emissionen senken, soziale Sicherheit schaffen und demokratische Beteiligung stärken. Seine zentrale Botschaft: Eine nachhaltige Gesellschaft muss Menschen eine Aussicht auf ein besseres Leben eröffnen.

Sighard Neckel liest im Rahmen der Nachhaltigkeitstage am 28.September aus seinem Buch „Katastrophenzeit“ in der Fonatebuchhandlung

Quelle: Sighard Neckel, „Katastrophe ohne Ausweg? Der Klimawandel als System- und Gesellschaftskrise – und wie wir ihn bekämpfen“ in Blätter für deutsche und internationale Politik. Zusammenfassung des vorliegenden Essays; der Bezug zu Neuruppin ist eine redaktionelle Einordnung.

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