Kinder haben ein Recht auf Gegenwart

Kinder gelten gern als „unsere Zukunft“. Doch dieser Satz greift zu kurz. Kinder und Jugendliche sind nicht erst die Erwachsenen von morgen. Sie sind Menschen von heute – mit eigenen Rechten, eigenen Interessen und einem Anspruch darauf, gehört zu werden. Gerade am Weltkindertag lohnt deshalb die Frage: Welchen Stellenwert haben Kinder in unserer Gesellschaft tatsächlich?

Von macron

„Wir werden nicht gehört, wir werden nicht gesehen und unsere Interessen werden viel zu wenig berücksichtigt.“ So fasst Sabine Andresen, Präsidentin des Kinderschutzbundes und Professorin für Familienforschung und Sozialpädagogik, in einem Gespräch im Deutschlandfunk zum Weltkindertag zusammen, was zahlreiche Jugendstudien zeigen.

Kindheit und Jugend kann nicht warten

Sabine Andresen, Präsidentin des Kinderschutzbundes im DLF

Ihr vielleicht wichtigster Satz fällt am Ende des Gesprächs: Wir sollten nicht immer nur davon sprechen, Kinder seien unsere Zukunft. Kinder und Jugendliche hätten ein „Recht auf Gegenwart“. Denn: „Kindheit und Jugend kann nicht warten.“ Das klingt selbstverständlich. Ist es aber offenbar nicht.

Die UN-Kinderrechtskonvention betrachtet Kinder längst als eigenständige Träger von Rechten. Sie haben Anspruch auf Schutz, Förderung, Bildung und Beteiligung. Artikel 12 schreibt ihnen ausdrücklich das Recht zu, ihre Meinung in allen sie betreffenden Angelegenheiten zu äußern – und verlangt, dass diese Meinung angemessen berücksichtigt wird. Das Deutsche Institut für Menschenrechte beschreibt darin einen grundlegenden Perspektivwechsel: Kinder sind nicht bloß Objekte von Fürsorge, sondern eigenständige Rechtssubjekte. In unserem alltäglichen und politischen Denken scheint dieser Wechsel jedoch noch längst nicht überall angekommen zu sein. Besonders deutlich wird das beim Thema Bildung. Das Recht auf Bildung gilt für alle Kinder, die tatsächlichen Chancen sind aber weiterhin sehr ungleich verteilt. Der Nationale Bildungsbericht 2026 zeigt, wie stark die soziale Herkunft die Bildungsbiografie beeinflusst. Unterschiede entstehen bereits vor der Einschulung und setzen sich im weiteren Bildungsweg fort.

Auch die PISA-Daten der OECD für Deutschland zeigen einen erheblichen Abstand: Die sozioökonomisch am stärksten privilegierten 25 Prozent der Jugendlichen erzielten in Mathematik durchschnittlich 111 Punkte mehr als die am stärksten benachteiligten 25 Prozent. Im OECD-Durchschnitt lag diese Differenz bei 93 Punkten. Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kommt zudem zu dem Ergebnis, dass bereits beim Schulstart sprachliche und mathematische Fähigkeiten in Deutschland besonders stark mit der sozialen Herkunft zusammenhängen.

Eine Gruppe von Kindern, die fröhlich mit einem gelben Ballon auf einem ländlichen Feld spielen, mit improvisierten Zelten im Hintergrund.
Kinderrechte gelten überall – unabhängig davon, wo ein Kind geboren wird oder unter welchen Bedingungen es aufwächst. Schutz, Bildung, Beteiligung und eine lebenswerte Zukunft dürfen keine Frage von Herkunft oder Wohlstand sein.
Symbolbild von Noor Aldin Alwan www.pexels.com

Armut bedeutet dabei weit mehr als ein geringeres Haushaltsbudget. Die Untersuchung „Aufwachsen in Armutslagen“ von IAB und Bertelsmann Stiftung zeigt, dass dauerhaft von Armut betroffene Kinder auch bei gesellschaftlicher Teilhabe benachteiligt sind. Sie können seltener Freizeitaktivitäten wahrnehmen, sind seltener in Vereinen aktiv und verfügen teilweise über weniger soziale Kontakte. Wenn ein Recht formal jedem Kind gleichermaßen zusteht, seine tatsächliche Verwirklichung aber stark davon abhängt, in welches Elternhaus ein Kind hineingeboren wird, bleibt die Gleichheit auf dem Papier unvollständig.

Auch die häufig gebrauchte Formulierung, Investitionen in Kinder und Bildung seien „Investitionen in unsere Zukunft“, verdient einen zweiten Blick. Denn auch sie betrachtet Kinder vor allem danach, was sie später einmal für die Gesellschaft leisten sollen – als Arbeitskräfte, Steuerzahler oder Beitragszahler. Kinder haben aber ein Recht auf gute Bildung nicht deshalb, weil sie später möglichst produktiv sein sollen. Sie haben dieses Recht, weil sie heute Menschen sind. Genau darin liegt die Stärke von Andresens Formulierung vom „Recht auf Gegenwart“. Und dieser Gedanke führt weiter. Wenn Kinder eigenständige Rechtsträger sind, stellt sich auch die Frage, welche natürlichen Lebensbedingungen wir ihnen hinterlassen. Klimawandel, Artensterben und Ressourcenverbrauch betreffen keine abstrakte zukünftige Generation. Betroffen sind Kinder, die heute schon leben und einen erheblichen Teil ihres Lebens in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts verbringen werden.

Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes hat 2023 ausdrücklich festgestellt, dass Klimakrise, Umweltverschmutzung und Verlust biologischer Vielfalt die Rechte von Kindern bedrohen. Auch die nicht nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen wird dort als Teil des Problems benannt. Eine ähnliche Perspektive findet sich im Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 24. März 2021. Das Gericht stellte fest, dass eine Generation nicht große Teile des noch verfügbaren CO₂-Budgets verbrauchen und damit später lebenden Menschen immer drastischere Einschränkungen ihrer Freiheit aufbürden darf. Freiheit müsse über die Zeit und über die Generationen hinweg gesichert werden.

Auch beim Ressourcenverbrauch besteht dieser Konflikt fort. Nach Angaben des Umweltbundesamtes zur Ressourcennutzung in Deutschland lag der Rohstoffkonsum Deutschlands zuletzt bei rund 16 Tonnen je Einwohner und Jahr. Zugleich zeigt der Indikator zur Artenvielfalt und Landschaftsqualität, dass Deutschland von seinen selbst gesetzten Zielen zum Schutz der biologischen Vielfalt weiterhin deutlich entfernt ist.

Das bedeutet nicht, dass Erwachsenen ihre Kinder egal wären. Wohl aber zeigt sich ein bemerkenswerter Widerspruch: Wir erklären Kinder gern zum Wichtigsten in unserem Leben und akzeptieren gleichzeitig gesellschaftliche Strukturen, in denen ihre Bildungschancen stark von ihrer Herkunft abhängen und ökologische Lasten in ihre Lebenszeit verschoben werden.

Die Kinder und Jugendlichen haben ein Recht auf Gegenwart.

Sabine Andresen, Präsidentin des Kinderschutzbundes im DLF

Warum fällt es uns so schwer, Kinder tatsächlich als eigenständige Menschen wahrzunehmen? Vielleicht liegt ein Teil der Antwort in einer langen Tradition, Kinder vor allem als Schutzbefohlene ihrer Eltern zu betrachten. Erwachsene entscheiden für sie. Der Gedanke, dass Kinder eigene Interessen haben und bei Entscheidungen beteiligt werden müssen, ist gesellschaftlich vergleichsweise jung.

Hinzu kommt ein strukturelles Machtgefälle. Erwachsene entscheiden über öffentliche Haushalte, Schulen, Verkehrswege, Bauprojekte, Energiepolitik und den Umgang mit natürlichen Ressourcen. Kinder und Jugendliche müssen mit den Folgen leben, haben aber nur begrenzte Möglichkeiten, diese Entscheidungen zu beeinflussen. Gerade deshalb ist ihr Recht auf Beteiligung so wichtig.

Und diese Frage stellt sich keineswegs nur in Berlin oder bei den Vereinten Nationen. Sie stellt sich auch in Neuruppin: bei Schulwegen und Spielplätzen, Jugendclubs und öffentlichem Nahverkehr, bei Grünflächen und Hitzeschutz, bei Radwegen und der Gestaltung des öffentlichen Raums.
Vielleicht könnte deshalb bei kommunalen Entscheidungen häufiger eine einfache Frage gestellt werden:
Was bedeutet diese Entscheidung für Kinder und Jugendliche – heute und in zwanzig oder dreißig Jahren? Und gleich danach: Haben wir sie eigentlich gefragt?
Kinder sind nicht nur unsere Zukunft. Sie haben ein Recht auf Gegenwart.

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