Wo der Mensch nur noch Mensch ist? Bei der Fußpflegerin Katja Oskamp

Bei Tucholsky waren es “Mutterns Hände”, bei Katja Oskamp sind es die Füße von Marzahn. Mit “Marzahn Mon Amour” war sie im Tucholsky-Museum zu Gast und ließ die Zuhörenden am Leben einer Fußpflegerin teilhaben. Die Funkjournalistin Gesa Ufer moderierte. Es war zu spüren und zu hören, wie gut sich die Gäste amüsierten.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Der Name Marzahn steht für die größte Plattenbausiedlung der DDR. Katja Oskamp hat dort am Rande von Berlin nach einer schnellen Ausbildung ihre Dienste angeboten. “Wirklich!”, wie die Schriftstellerin betont. In einer Krise habe sie sich entschlossen, mal etwas wirklich Neues auszuprobieren. Günter Wallraff alias Ali stand nicht Pate. Sie habe dem Schreiben wirklich entsagen wollen, sagt sie. Dass dann dabei ein Bestseller entstand, wird ihr sicher niemand vorwerfen.
Als “Schlüssel zum Menschen” sieht Oskamp die Füße an. Natürlich nicht der Fuß an sich, sondern der leibhaftige Fuß im Ruhezustand, in Behandlung, in Pflege – meistens paarweise, eben Pediküre. Bei Schuhwerk und Strümpfen fange das Gestammele von Männern oft schon an. Schambedingt.
Die “Eheleute Huth” kommen tatsächlich gemeinsam. Anders “Herr Pietsch”. Mit dem will keine mehr gehen. “Frau Blumeier” wiederum kommt mit einem fahrbaren Untersatz, der 6 km/h schafft. Katja Oskamp gelingt es, Menschen humorvoll zu porträtieren, besonders humorlose. Mit jenem unsäglichen Herrn P. karikiert sie, selbst ein Kind der DDR, die Seelenlage von ewigen SED-Führungskräften. Mit jenem Paar geht’s in die Höhen von Samuel Becketts Leerstück “Warten auf Godot”. Er ist dement. Er versteht alles, vermutlich sogar Godot. Die elektrifizierte Seniorin indessen verkörpert Schicksalsschlag und Alltagshumor in einer Person. Und einfache Freundlichkeit, für viele das Schwierigste. Es gelten strenge Grenzen bei Oskamps Pediküre. Die daheim oder unterwegs ausbleibende Erektion des ehemaligen SED-Funktionärs wird nicht mitbehandelt. Aber gerne verspottet, genauso wie seine einstigen Liebesabenteuer für die Idee des SED-Staatssozialismus.

Als Kombipack für Selbstheiler in Rheinsberg noch nicht zu haben.
Fotos: VHS

Katja Oskamp kann sächseln, Oskamp kann berlinern, Oskamp kann Hochdeutsch. Sie wagt unterschiedliche Prosodien. Sie liest unaufdringlich. Werkzeug hat sie nicht auf dem Tisch liegen. Die Moderatorin möchte auch wissen, ob es aus der Kundschaft Reaktionen auf die Fälle gegeben habe, auch juristische. Dass die Namen nicht stimmen, ist klar. Außerdem, so Oskamp, seien Behandlungsfälle kombiniert worden. Also bislang kein Gerichtstermin!
Die Autorin, die inzwischen wieder dem streng geregelten Leben einer freien Schriftstellerin nachgeht, kann von viel Zuspruch berichten. Per Post, aber auch persönlich. Nicht anders im Museum zu Rheinsberg. Dort wurde sogar das vermittelte DDR-Bürgerbild gelobt. Peter Graf hat eben eine glückliche Hand gehabt, als er die Fußpflegerin einlud, die sagt: “Marzahn hat mir nur Glück gebracht.” Nur das Problem, wie man “kleine Leute”, schlichte Menschen, Plattenbewohner, Fußleidende, Durchschnittsverdiener und so weiter nennen sollte, das blieb offen. Kurt Tucholskys Wort vom “Fußvolk” könnte missverstanden werden, zumal nach den 40 Jahren Volksdemokratie….

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