Erst als zwischenzeitlicher Pensionär, also von 1905 bis 1914, konnte sich Karl Litzmann mit seiner Familiengeschichte befassen. Dann lockte der Krieg wieder den Soldaten. Doch er weiß jetzt: Ein Vorfahre namens Hanß Litzmann soll 1539 dadurch aufgefallen sein, dass er während eines Gottesdienstes in Neuruppin das Lutherlied anstimmte. Kurze Zeit später soll er an der anstehenden Glaubenswende aktiv und konstruktiv beteiligt gewesen sein.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Wahrscheinlich werden nicht wenige Menschen beim Namen Karl Litzmann an Neuglobsow denken. Dort verstarb er am 28. Mai 1936, dorthin kam Adolf Hitler persönlich, um dem Preußischen General die letzte Ehre zu erweisen. Auch Reichspropagandaminister Joseph Goebbels gehörte zur Delegation aus Berlin. Wer sich mit Walter Lehweß-Litzmann und seinem Werk “Absturz ins Leben” befasst, erfährt noch ein bisschen mehr, also nicht nur die Tatsache der NSDAP-Mitgliedschaft des laut Wikipedia 1850 in Stechlin geborenen Märkers und die Rolle als Alterspräsident im Reichstag. Ein Nazi als erster Redner im Parlament kraft Alters, nicht auszudenken! Aber die Kommunistin Clara Zetkin konnte so verhindert werden.

abfotografiert aus Walter Lehweß-Litzmann; Absturz ins Leben (1994 hg. von Jörn Lehweß-Litzmann)
Walter Lehweß-Litzmann, 1907 zur Welt gekommen, gehört zu den Menschen, die die Konstitutionelle Monarchie, die Kriegsjahre und Revolutionsmonate, die Parlamentarische Demokratie, die NS-Diktatur, die Sowjetische Besatzungszone und die Deutsche Demokratische Republik erlebten. Bis zum Mauerbau war Westberlin auch gerne mal eine Adresse. Er verstarb im Jahr 1986. Für einen Spielflm ist dieses wechselvolle Leben zu groß. Oder zu klein: Opportunismus in allen Farben, mehr nicht.
Im Winter 1914, so die dank Jörn Lehweß-Litzmann zum Buch gewordene Erinnerung, sei zwar der Sieg über die “Franzmänner” noch nicht zu feiern gewesen, aber bei Oma in Neuglobsow habe es genug Grund zur Freude gegegen: “den glanzvollen Sieg Großvaters in der Schlacht bei Lodz”. In sowjetrussischer Gefangenschaft wird der Kampfpilot 1944 vermutlich anders darüber gesprochen haben. Oder lieber gar nicht? Und über die Tatache, dass die stolze polnische Stadt Lodz 1940 auf Anordnung von Adolf Hitler in “Litzmannstadt” umbenannt worden war? Das von 1940 bis 1944 bestehende Ghetto mit über 200.000 drangsalierten Jüdinnen und Juden trug ebenfalls diesen Namen. Dass die Ehrenbürgerschaft des Karl Litzmann in Neuruppin erst 2007 aberkannt wurde, mag man kaum glauben, wenn man die Weltoffenheit dieses Gemeinwesens erlebt.

abfotografiert aus Walter Lehweß-Litzmann; Absturz ins Leben (1994 hg. von Jörn Lehweß-Litzmann)
Den jüdisch klingenden Namen Lehweß habe man durch den Doppelnamen Lehweß-Litzmann abschwächen können, berichtet der Enkel. Ein ausdrücklicher Wunsch von Karl Litzmann für die “neue Zeit”, nein: für die Ewigkeit.
Nicht überprüfbar ist eine Anekdote, die mitten hineinführt ins Leben in Neuglobsow in der NS-Zeit. Einer Jüdin namens Redlich soll Walter die Möglichkeit verschafft haben, heimlich und unerkannt an der Staatstrauerfeier im Juni 1936 teilzunehmen. Der Enkel trug inzwischen schon die Uniform eines Luftwaffenoffiziers. Als die Besagte im Ort nach Kriegsbeginn Anspielungen auf die “Endlösung der Judenfrage” hört, setzt sie ihrem Leben durch Gift ein Ende. Nicht auszudenken: eine Jüdin aus Neuglobsow deportiert nach “Litzmannstadt”…







