Woraus die Welt gemacht ist Foto: Otto Wynen
Schon nach wenigen Seiten ist klar: Dieses Buch lässt einen nicht mehr los. Eine persönliche Leseempfehlung für Judith Schalanskys Marmor, Quecksilber, Nebel – ein Werk voller Sprachkraft, Staunen und philosophischer Entdeckungen.
Von Otto Wynen
Eine Heilige Schrift
Ich würde Sie, Euch gerne teilhaben lassen an meiner Begeisterung für ein Buch. Eine Begeisterung wie ich sie schon lange nicht mehr beim Lesen verspürt habe. Ich schreibe das jetzt, gleich jetzt, nachdem ich gerade einmal 15 Seiten gelesen habe. 15 Seiten voller wunderbarer Beschreibungen, Abschweifungen und Ausschweifungen und einem Witz wie man ihn seinesgleichen kaum noch zu hören bekommt. Es ist ein Buch über die Welt. Vermutlich sogar über unser Universum. Jetzt wollen Sie, wollt Ihr natürlich zu Recht wissen, von welchem Buch ich denn da überhaupt spreche. Nun denn, der Titel lautet: „Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist.“ Und die Autorin ist Judith Schalansky. Wir hatten sie vor Jahr und Tag schon einmal bei unserem Literaturfestival NEBEN DER SPUR zu Gast. Damals auch schon mit einem Buch, das uns betört hat, dem „Atlas der abgelegenen Inseln“, dessen Untertitel: „Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde“ schon treffend Auskunft über den abgründigen Humor von Judith Schalansky gab.
Seit damals hat Judith Schalansky eine Aufmerksamkeit erfahren wie vermutlich nur wenige deutschsprachige Schriftstellerinnen. 2011 wurde ein Asteroid nach ihr benannt – „(95247) Schalansky“ und 2025 zum Beispiel widmete die Pariser Hochschule École normale supérieure ihrem Werk eine Tagung unter dem Titel „Judith Schalansky oder das Buch als Gedächtnis der Welt“. Wer mehr erfahren will, findet inzwischen zuhauf Informationen im Internet.
Zurück zu „Marmor, Quecksilber, Nebel.“ Wie kommt man bloß darauf, darüber ein Buch schreiben zu wollen? Das verrät die Autorin gleich im zweiten Absatz ihres Textes: „Man kann sich seine Erscheinungen nicht aussuchen. Sie ereilen einen, wie Verliebtheiten, aus dem Augenwinkel, jäh, unversehens, hinterrücks. Beladen mit Bedeutung, versperren Sie einem den Weg.“
Und genauso geht es mir mit ihrem Buch. Völlig unerwartet liegt es jetzt quer zu meinem routinierten Tagesablauf und lässt mich nicht mehr los. Anders als Dutzende anderer Bücher, durch die ich mich oft nur mit großer Mühe und viel Wohlwollen durchkämpfe.

Der Text von Judith Schalansky beginnt tatsächlich mit einem weiß leuchtenden Marmorblock, der auf einem Schwerlaster transportiert wird. Sie entdeckt den erratischen Steinblock auf einer Fähre. Plötzlich leuchtet ein Licht auf, ein Zauber beginnt die Welt zu verwandeln – vielverheißend und zugleich geheimnisvoll. Ich folge einer Fährtensucherin, die selbst wiederum neue Spuren legt, die man unbedingt erkunden will. Und sie weiß sehr genau, was sie tut: „Eine Spaziergängerin vor einem angeschwemmten Walfisch kann sich nicht verlorener fühlen. Der Gegenstand des Interesses ist einfach zu groß, er entstammt einer anderen Dimension, ist eine Schulung der Wahrnehmung, eine Lektion in Demut, eine Prüfung des Glaubens.“
Selten liegen Physik und Metaphysik so eng in einem Text beieinander wie in diesen Naturbeschreibungen eines Steins. Schon auf den wenigen Seiten, die ich bisher gelesen habe, bin ich so angefüllt mit eigenen neuen Ideen, mit Tagträumen und Erinnerungen, dass ich mir vorgenommen habe, das Buch behutsam zu lesen. Ich werde mich entscheiden müssen: einerseits möchte ich den Text in einem durch lesen, gierig und neugierig. Andererseits sagt mir eine innere Stimme: Lass Dir Zeit. Gib den Ideen Raum, sich zu entfalten. Erst dann erlebst Du die ganze Bereicherung dieses Textes. Lies es wie ein Märchen oder wie eine Heilige Schrift.
Wann habe ich so etwas das letzte Mal erlebt? Es ist Ewigkeiten her.
