Bachs “Johannespassion” – eine zutiefst berührende Darbietung

Ein Novum erwartete die Gäste zum Auftakt der Musiktage AEQUINOX 2026: Profis und Amateure gingen gemeinsam ans Werk – die “Johannespassion” von Johann Sebastian Bach. In einem einzigen Satz hat die Handlung ihren Höhepunkt: “Es ist vollbracht!” Drei Worte aus dem Munde Jesu Richtung Himmel, ein Stück Weltgeschichte.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Über Gottes Rolle kann diskutiert werden. Aber zu diesem Zweck oder zur Andacht waren vermutlich nicht so viele Menschen in die Kulturkirche gekommen. Am Ende gab es für alle Mitwirkenden rauschenden Applaus und so viele glückliche Gesichter allüberall. Dabei ist noch Passionszeit. Und Krieg – unweit.
“Kreuziget ihn!”, hatte die Menge getönt. Das ließe sich ziemlich antisemitisch in Szene setzen. Martin Luther hat es leider vorgemacht. An pauschalen Worten wie “die Jüden” führt auch für den Chor kein Weg vorbei. Doch nichts wird eingepeitscht durch Chorgesang und der Instrumente Klang. Als Chorgemeinschaft Neuruppin hatten der Neuruppiner A-CAPELLA-Chor, der Märkische Jugendchor sowie viele Gastsängerinnen und Sänger zusammengefunden, ergänzt durch den Kammerchor der Sing-Akademie zu Berlin. Die Lautten Compagney Berlin und das Vokalensemble Amarcord aus Leipzig kooperierten. Die Gesamtleitung lag in den Händen von Dirigent Wolfgang Katscher. Nils Jensen hatte die gesangliche Darbietung einstudiert.
Johann Sebastian Bachs Werk aus dem Jahr 1724 hatte am Karfreitag jenes Jahres seine Uraufführung in der Nikolaikirche Leipzig. An ein Konzert in einem Kulturhaus ohne Kreuz, aber mit bester Verköstigung wäre nicht zu denken gewesen. Ein präzises Protokoll der Ereignisse gibt es nicht. Nur die Evangelien. Der Rechtsstaat aber kann in seiner wertegebundenen Entwicklung gewiss auf das christliche Menschenbild bezogen werden, wie es sich Bahn brach durch Jesu Wort und Tat. Über Jesus wird anders Gericht gehalten. Das Konzert zeigt das Tribunal, diese konzertierte Aktion von Obrigkeit und Volk, von Pilatus, den Hohepriestern und der Menge. Das Weltwirksame mit den Mitteln der Musik zur Wirkung zu bringen, das ist die Kunst. Sie wurde beherrscht, ausnahmslos.

“Es ist Vollbracht!” Daniel Knauft, hier neben Annakathrin Laabs

Die Solisten und Solistinnen prägten den Abend besonders eindringlich. Dass Wolfram Lattke und Robert Pohlers, die Tenöre, den Text vor sich haben, dass Bariton Frank Ozimek und Bass Daniel Knauft genauso wenig in ihren Rollen aufgehen wie die Sängerinnen Elena Elsa Tsantidis (Sopran) und Annekathrin Laabs (Alt) , ist wesentlich, zeigt Rollendistanz. Mal mehr bei den Männern, mal weniger bei den Frauen. Stimmbedingt? Musikalische Lesung wäre nicht das richtige Wort, dafür war allein schon das Instrumentalspiel der Compagney zu expressiv, zu aufrüttelnd, zu seelennah. Selbst der Evangelist wird erfasst vom Geschehen, wirkt kurzeitig wie geschüttelt, von den vielen Seelen im Chor und dem Wechselbad der Gefühle in den dicht stehenden Reihen ganz zu schweigen. Es geht um Menschenleben. Was Ostern bringt, weiß niemand am Karfreitag. Und die Meteorologen – die Messdiener der wetterempfindsamen Treibhausklimawelt?

Ein anmutiger Auftritt unter berstendem Himmel: Elena Elsa Tsantidis
Fotos: VHS

Die Himmelsgewalt kommt dank Bach klangmächtig über alle Kreaturen. Blitz, Donner, Sturm und Beben werden Musik. Grandios! Sogar ohne große Orgel! Eigentlich wären all die Namen der Instrumentalisten aufzulisten – von Catherine Aglibut (Violine) über Inga Maria Kalucke (Fagott) und Majella Münz (Violoncello) bis zu Yumiko Tsubali (Violine), um es mal streng alphabetisch zu fassen und Martin Offik als Tonmeister nicht zu vergessen.
Das Wort von der “zeitlosen Aussagekraft”, wie im Programm zu lesen, weist über ein Kulturevent dieser Art weit hinaus. An Zeitbezügen kein Mangel? Gewiss nicht an Tagen und in Nächten, in denen es nicht nur in jener Ursprungsregion von Weltreligionen um Weltrecht und Weltunrecht geht, um Macht und Zerstörungsmacht von Menschen mit viel Unheil zwischen Dronenhimmel und Lebenserde. Auferstehung? Auflehnung aus dem Geist der Auferstehung? Was für ein aufblitzender Auftakt zu AEQUINOX 2026, welch eine großartige Leistung dieses bewegenden gemischten Ensembles!

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