Johannes Schultze – am 2. Oktober 1976 in Westberlin verstorben

“Die Mark Brandenburg” ist gewiss sein Hauptwerk. Die “Geschichte der Stadt Neuruppin” ist darin gut verwurzelt. Zur Welt kam Johannes Schultze am 13. Mai 1881 in Groß-Krausnik als Sohn von Paul Schultze und Bertha Schultze geb. Zippel . Er verstarb am 2. Oktober 1976 in Westberlin. Sein Leben wurde ganz wesentlich geprägt durch die Kindheit in Wulkow. Später hatte man ein Haus in der sog. Kolonie Wuthenow an der Lanke. Im April 1945 wäre er dort bei einem Luftangriff fast ums Leben gekommen. Es ist längst an der Zeit, an Leben und Werk zu erinnern.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

“Berlin, beraubt der alten Grundlage, ist heute eine geteilte, isolierte Stadt”, schreibt Johannes Schultze im Jahr 1969 am Ende der Reihe “Die Mark Brandenburg” und fährt fort: “Ihre Zukunft ist mit der deutschen Einheit und Freiheit untrennbar verknüpft.” Das Gebiet der ehemaligen Mark Brandenburg sei politisch und verwaltungsmäßig völlig zerrissen. Was er als bekennender Brandenburger über die Neuordnung nach der sogenannten Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990 mit den Bundesländern Berlin und Brandenburg denken würde, lässt sich nicht sagen. Aber ein Gedanke Schultzes sei hier nicht unterschlagen: Es sei ein Irrtum des Alliierten Kontrollrates im Jahre 1947 gewesen, zu glauben, mit der Auslöschung Preußens die wesentliche Ursache des niederträchtigen Hitler-Regimes beseitigt zu haben.
Schultze gibt sich nicht etwa als glühender Anhänger Preußens. Einmal nennt er es sogar etwas bissig “undeutsch”. Als Historiker und Archivar geht es ihm um Substanz, um belastbare Aussagen, nicht um Phrasen oder Formeln. “Besitz und freie Ausübung eines ehrlichen Berufs erfreuten sich im preußischen Rechtsstaat der größten Sicherheit”, ist Schultze überzeugt. Zuvor hatte er schon bemerkt, es sei eine müßige Frage, wie sich wohl das Geschick der Mark Brandenburg gestaltet hätte, wenn sie ein selbständiges Fürstentum im norddeutschen Raum geblieben wäre. Mark, Neumark, Altmark, Kurmark – genaues Lesen wird verlangt. “Die Mark unterscheidet sich gebietsmäßig wesentlich von der gleichnamigen Provinz, die 1815 bei der Neuordnung der preußischen Landesverwaltung geschaffen wurde”, stellt der Autor ganz am Ende noch einmal klar.

Schlacht bei Wittstock – Kupferstich aus dem Kriegsjahre 1636.
übernommen von Wikipedia.

Man schrieb das Jahr 1644, da wurde erstmals ein amtlicher Hofchronist vom Großen Kurfürsten bestallt. Eine wirkliche Landesgeschichte sei erwartet worden, weiß Schultze. Er selbst hat hohe Ansprüche, als er seine fünf Bände ab 1961 vorlegt, aber er ahnt auch, dass er Sozial- und Technikgeschichte, Glaubens- und Kirchengeschichte, Militär- und Kriegsgeschichte sowie Natur- und Raumentwicklung nur berühren kann. Regentschaft und Staatsführung unter wechselnden Bedingungen im Rahmen der Rechtsverhältnisse sind Stoff genug. Es werden insgesamt 1300 Seiten. Eröffnet wird mit dem Kapitel “Das Gebiet”. Die “Begründung der Mark Brandenburg” ist im 12. Jahrhundert angesiedelt, also im sogenannten Mittelalter. Unter der Überschrift “Die Auflösung der Mark Brandenburg” wird im letzten Kapitel der fünf Bände Bilanz gezogen. Zäsuren bilden die Reformation im 16. Jahrhundert, der 30jährige Krieg im Jahrhundert darauf, die Konstituierung des Königreichs Preußen im Jahr 1700 mit Krönung in Königsberg, die Herrschaft Friedrich des Großen, die Zeit der französischen Besatzung Anfang des 19. Jahrhunderts und die Befreiungskriege. Angesichts des Mammutwerks könnte man meinen, die “Geschichte der Stadt Neuruppin”, die Schultze 1961 in Westberlin vorgelegt hat, müsse einfacher sein. Ist sie auch – und nie ausschweifend. Die Entwicklung ist ja eingebettet in die der Mark.

Kreuzung Schinkelstraße Friedrich-Wilhelm-Straße (heutige Karl-Marx-Straße) Klappgraben, um 1830.
abfotografiert aus der “Geschichte der Stadt Neuruppin”, 2. Auflg. von 1963

“Brandenburgische Jahrhunderte” hat man die Festschrift zum 90. Geburtstag von Johannes Schultze genannt. Die thematische Breite der Beiträge spiegelt auch das Schaffen des Geehrten. Es geht nicht um Lobhudelei, es geht Weiterentwicklung des Kenntnisstandes. Was Archivaren und Archivarinnen abverlangt wird, wirkt respekterheischend. Man denke nur an die Fremdsprachen und an die Rechtskunde. Interessante Hinweise gibt es zur Kartografie um 1800. Stadtbücher werden erforscht, Ortsnamensendungen analysiert. Das Suffix “-ow” wirkt nach der Lektüre vertrauter. Nur im Hinblick auf die NS-Zeit bleibt die Darstellung vordergründig. Das enttäuscht, gerade weil Johannes Schultze als Leiter des Geheimen Staatsarchivs eine prinzipiell kritische Haltung zum NS-System attestiert wird. Und zu Adolf Hitler besonders. Einen “zuletzt größenwahnsinnigen Demagogen und Abenteurer” nennt er ihn im Werk. Und ab 1933 im Dienst?
Stoff genug für den Herbst des Gedenkens. Ein paar Verse von Johannes Schultze schmücken die Stadtgeschichte gleich zu Beginn. Er greift Reime von Theodor Fontane auf und bekennt mit Blick auf die gemeinsame Heimat: “Es wechselt Freude stets mit Leid, das lehrt uns die Vergangenheit.”

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