Viele Menschen kommen täglich am Jerusalem-Hain vorbei. Sicher meistenteils mit dem PKW oder einem anderen Gefährt. Auf dem Friedhofsteil, der in Neuruppin an Gräber von Juden und Jüdinnen erinnert, sind wohl eher selten Menschen zu sehen. Er liegt ganz am Rande. Aber zwischen beiden benachbarten Orten gibt es eine tiefe Verbindung. Sie weist sogar noch weit über den jüdischen Glauben hinaus.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
“Wünscht Jerusalem Frieden”, steht da auch in hebräischen Schriftzeichen auf den beiden Stelen. Blutbuchen prägen das Bild. Die ersten drei wurden 1996 angepflanzt. Auf dem Friedhof erfahren Interessierte, wie sich das Leben der jüdischen Gemeinde im Rückblick darstellt. Die Auflösung erfolgte 1941. Die Jahre zuvor waren der erste Höhepunkt der Verfolgung. In den Jahren danach wurde Vernichtung Programm, beginnend mit der Berliner Wannsee-Konferenz ab 20. Januar 1942. Mit Stolpersteinen wird in der Stadt an einzelne Schicksale und die Unmenschlichkeit der Verantwortlichen erinnert.

Wilhelm Gentzens Werk “Der Einzug des Kronprinzen von Preußen in Jerusalem 1869” zeugt von einer anderen Zeit und Sicht. Und von Kunstfertigkeit des gebürtigen Neuruppiners. Zum kulturellen Gedächtnis gehört es auch, wie Regelind Heimann sorgfältig aufzublättern weiß in ihrer Buch gewordenen Dissertation. Die Doktorandin versucht plausibel und anschaulich zu machen, hier liege kein koloniales Gebaren vor. Sie verschweigt nicht, dass es auch Interpretationen gibt, die den “blonden germanischen Fürstensohn in der heiligen Stadt” sehen. Heimann indessen resümiert: “Gentz war keineswegs der Meinung, Europa sei der Welt des Orients geistig und moralisch überlegen.”

Jerusalem ist durch den Gaza-Krieg nach dem Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 ein wenig aus den Schlagzeilen gerückt. Die lange Zeit in Potsdam lehrende Religionswissenschaftlerin Angelika Neuwirth hat mit ihren Werken eine Grundlage religionsübergreifender Betrachtung geschaffen. Ausgangspunkt: die Stadt Jerusalem, der Ort der drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. Neuwirth erinnert daran, dass die Gebetsrichtung der Moslems zunächst Jerusalem war. Bei den regelmäßigen Jerusalemer Religionsgesprächen treffen Christen und Moslems aufeinander. Gotthold Ephraim Lessing hat sein Drama “Nathan der Weise” in Jerusalem angesiedelt. Beim Ringen um eine stabile politische Struktur gerät Jerusalem in den Fokus.
Die Stelen sind Ausdruck der Friedenssehnsucht, der Utopie. Der Platz wird durch Neuruppiner Bürger und Bürgerinnen im Zeichen der “Lions” gepflegt. Es verlangt nicht viel, dort anzuhalten. Es gibt viel, dort im Jerusalem-Hain innezuhalten.

