Volles Haus bei der Auftaktveranstaltung der Fontane-Festpiele 2026

Ein wenig erschöpft wirkte Jana Hensel am Ende der Auftaktveranstaltung der Fontane-Festspiele 2026. Es war ihr gelungen, wesentliche Aussagen ihres Buches “Es war einmal ein Land” eindringlich zu vermitteln, ob durch Lesung oder Erläuterung. Doch es gab auch Widerspuch aus dem Auditorium. Als Organisationsteam konnten sich Uta Bartsch, Peter Böthig und Otto Wynen über ein ungewöhnlich großes Interesse freuen. Volles Haus! Und ein leergekaufter Büchertisch der Fontane-Buchhandlung!

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Moderator Andreas Knaesche indessen wirkte ein wenig unterbeschäftigt. Die Vorstellung der Autorin war sein Job. Dann erledigte Jana Hensel das Weitere weitgehend unbegleitet. “Es ist vorbei!”, wäre ihr Titel gewesen, verriet sie. Vielleicht ein Fragezeichen? Das Lektorat wollte es lieber auf Märchenart. Dazu der Untertitel des essayistischen Sachbuchs: “Warum sich der Osten aus der Demokratie verabschiedet”. Jana Hensel sieht in den fast flächendeckenden Erfolgen der AfD in Ostdeutschland eine Gefahr für die Demokratie. Und das trotz des Potenzials, das die in der DDR sozialisierten Menschen, so Hensel, Jahrgang 1976, eigentlich mitbrachten. Originalton: “Gut möglich, dass viele der Männer, die im Osten AfD wählen, zu Hause ein sehr gleichberechtigtes Eheleben führen. Allein die insgesamt recht homogene Einkommensstruktur dürfte sie dazu zwingen.” In den Reihen im Raum waren auch 68er aus der sogenannten BRD oder Westberlin. Sie durften sich Folgendes anhören: “Die sozialen Bewegungen der 68er rebellierten gegen die eher restaurativ geprägten Gesellschaftsvorstellungen der Nachkriegszeit. Weil jedoch die ehemaligen DDR-Bürger kein kulturelles, sondern mit dem Einmarsch der sowjetischen Armee zur Niederschlagung des Prager Frühlings ein politisches 1968 erlebt hatten, das anders als in der westlichen Welt nicht zu einer Öffnung, sondern im Gegenteil zu einer Verschließung führte, erkannte die westdeutsche Linke nach der Wiedervereinigung die Emanzipationsrealitäten der Ostdeutschen nicht an.” Schönes Schema! Als Journalistin weiß Jana Hensel natürlich, wie unterschiedlich sich Ereignisse und Prozesse später lesen lassen, insbesondere wenn es bloß um “Kulturrevolution” geht.

Auch kritische Einwände aus den dicht besetzten Reihen.

Beeindruckend hingegen, wie differenziert sie die Dialektik der Entwicklung seit 1989 darlegt – von der Abwicklung der DDR als Produktionssystem sozialistischer Prägung, Stichwort Planwirtschaft, mit den folgenden horrenden Arbeitslosenzahlen, der primär materiell und reiselustig motivierten Binnenwanderung, der fatalen “Hartz”-Politik und den ewig grinsenden Einheitsgewinnlern aus dem Westen bis zu den Herausforderungen der jüngsten Vergangenheit und (über das Buch hinaus) auch der Gegenwart mit horrenden Benzinpreisen, viel Krieg und einer recht hilflos wirkenden Bundesregierung, die wie die “Ampel” von der AfD mit Spott, Häme und Verachtung belegt wird. “Erschöpfung” ist das Wort des Abends. Migrationspolitik scheint demnach nicht der Schlüssel zu sein.
Hensel hat nach der bedenkenswerten Geschichtslektion eine Typologie zu bieten: “die Radikalen”, “die Abgedrifteten”, “die Wehrhaften”. In Neuruppin nahm sie die Zuhörenden nach interessanten Ausführungen über Angela Merkels Werden und Wirken als Kanzlerin aus dem Osten mit auf die Reise zu Maximilian Krah, einem radikalen Rechten, früher EU-Parlamentarier, heute Mitglied des Deutschen Bundestags, aber bislang keinesfalls AfD-Frontredner wie der ebenfalls heimgesuchte Malermeister Tino Chrupalla. “Anstreicher” wäre zu viel, was Brecht ist. Es gibt Sätze unter diesen Henseleien, die kontextlos zum Missverstehen einlüden: “Die AfD ist für Chrupalla und Krah nicht zuletzt ein Mittel, um nun von diesem Rand wieder zurück in die Mitte zu kommen.”

Von großer Nachdenklichkeit: “Zonenkind” Jana Hensel.
Fotos: VHS

Anmerkungen und Fragen aus dem Publikum ließen Kritik und Zustimmung, leichte Enttäuschung und tiefste Dankbarkeit gleichermaßen laut werden. Davon konnnte Jana Hensel nicht überrascht sein, schreibt sie doch: “Die DDR war eine Diktatur, die ihren Bürgerinnen und Bürgern viele Freiheitsrechte wie Wahl- und Pressefreiheit, Meinungs- und Reisefreiheit entzog, aber gesellschaftspolitisch war sie dennoch ein fortschrittliches Land skandinavischen Zuschnitts. Dieser Widerspruch ist schwer auszuhalten, ich weiß. Aber auch die DDR war eben ein widersprüchliches Land.” Nicht anders der Abend. Hensels Überzeugung, nur Demokraten könnten die Demokratie retten, fand insofern im Publikum Anklang, als mehrere Stimmen zu hören waren, die die persönliche und gemeinsame Verantwortung der Versammelten betonten und zum Engagement aufriefen. Was Hensel über Demobilisierung sagte zum Zwecke der AfD-Schwächung, war nicht Satire. Und mit dem Schlusswort von Andreas Knaesche und dem Applaus der Gäste für Jana Hensel waren die Debatten noch lange nicht zu Ende.
Für eine überarbeitete erweiterte zweite Auflage, die doch gewiss kommen wird nach den Wahlen dieses Jahres, hat Joseph Goebbels schon 1928 ein paar Worte formuliert, die vorab gut zu platzieren wären, wie nach 68, der NPD geschuldet, in manchen Schulbüchern in der BRD: “Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen. Wenn die Demokratie so dumm ist, uns für diesen Bärendienst Freikarten und Diäten zu geben, so ist das ihre eigene Sache.” Ach, Bärlin…

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